Zwischen Dichtung & Wahrheit: „Der Abfall der Herzen“ ist der neue Roman von Thorsten Nagelschmidt

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‚Der Abfall der Herzen‘ von Thorsten Nagelschmidt, Hardcover

Wenn ich dich jetzt fragen würde, was im Sommer 1999 passiert ist, was würdest du sagen? Klar, es gibt dieses kollektive Gedächtnis über Geschehenisse, die ein Land oder eine ganze Kultur betreffen. Im Sommer 1999 war zum Beispiel die letzte in Deutschland zu sehende Sonnenfinsternis oder Joschka Fischer hat bei seiner Rede auf einem Parteitag einen Farbbeutel abbekommen. Das sind die Sachen, die dokumentiert sind, weil Funk und Fernsehen diese historischen Vorkommnisse festgehalten haben. Bei diesen sind wir uns alle einig: Ja, dies ist genauso geschehen.

Gehen wir nun einen Schritt weiter: Ich frage dich jetzt, was hast DU im Sommer 1999 gemacht? Ja, auch ich müsste haarscharf nachdenken. Es gibt Eckpunkte, wie Schule beendet, Studium aufgenommen, runde Geburtstage. Man könnte meinen, wenn man diese Eckpunkte im Kopf abläuft, da müsste doch noch alles vorhanden sein.

Oder etwa nicht?

Thorsten Nagelschmidt aka Nagel aka Sänger von Muff Potter (RIP!) hat sein viertes Buch  ‚Der Abfall der Herzen‘ veröffentlicht. Es ist nach ‚Wo die wilden Maden graben‘ und ‚Was kostet die Welt‘ sein dritter Roman. Als letztes erschien seine Erzählungen/Reiseberichte/Fotoband ‚Drive-by Shots‘. ‚Der Abfall der Herzen‘ ist der erste Roman auf dem Nagels bürgerlicher Name steht: Thorsten Nagelschmidt. Es ist noch etwas ungewohnt, aber es mag seinen Sinn haben. Warum auch länger den Spitznamen mit sich herumtragen, dem einen in einem Freundeskreis und unter Umständen gegeben wurde, die heute nicht mehr existieren?

Doch dass man seine Vergangenheit nie los wird, das zeigt uns Thorsten Nagelschmidt in seinem neuen Roman. Es steht zwar Roman auf dem Buchdeckel, doch ist es unverkennbar, dass der Inhalt sich autobiografisch zusammensetzt. Schon allein die Hauptfigur heißt Nagel, lebt in Rheine und spielt in einer Band. Wer Muff Potter kennt, dem sollte dies nicht fremd sein.

Der Roman fängt mit einem Gespräch an, das im Jahr 2015 stattfand: Ein Treffen mit einem alten Kumpel aus Rheine in Berlin. Es geht um dies, es geht um das – und dann plötzlich um etwas ganz bestimmtes: Einen Brief, an den sich Nagel nicht erinnern kann. Den soll ich geschrieben haben? Als Entschuldigung? Und wenn ich mich schon daran nicht erinnern kann, woran nicht noch alles?

Dies ist der Anfang von einer Zeitreise, die intensiver nicht sein könnte. Nagel macht sich auf die Suche, auf die Suche nach diesem einen Sommer 1999, den er erlebt hat, der so prägend für ihn war, an dessen Vorkommnisse er sich aber nur wenig oder nur lückenhaft erinnern kann. Was war da verdammt nochmal los im Sommer 1999?

Der Roman wechselt zwischen dem Damals und dem jetzt, zwischen 1999 und 2015. Auf der Suche nach den Ereignissen 1999 befragt Nagel zuerst seine Tagebücher. Das sind doch DIE Nachschlagewerke, wenn es ans Erinnern kommt. Tja, zum Teil ja, zum Teil nein. Tagebücher sind Texte von Emotionen gesteuert. Texte, die aus höchsten Höhen oder tiefster Tiefe geschrieben wurden, die nur ein Erlebnis beleuchten, aber alles anderer drumherum eben nicht! Wie soll man damit ein Gesamtbild errichten?

Es müssen Zeugen her. Nagel muss sie alle befragen. Diese Alle von damals. Mit den meisten hat er lange schon keinen Kontakt mehr. Sie leben alle verstreut in Deutschland. Er besucht sie alle und fragt sie mal mehr, mal weniger taktvoll aus. Denn im Sommer 1999 ist Nagel nicht nur zum ersten Mal in eine WG gezogen, sondern seine Langzeitbeziehung ist zu Bruch gegangen. Das waren die ersten Splitter auf dem Weg in ein Chaos, das Nagels Gehirn zu verdrängen versucht hat. Die Exfreundinnen werden befragt, die damals besten Kumpels, die dann zu den neuen Freunden der Exfreundinnen wurden, die Arbeitskollegen und der Rest der Clique und die, die halt da waren.

Fragt man jeden Einzelnen nach einem bestimmten Abend, sagen wir einem Konzert von Nagels Band, dann erhält man von jedem Einzelnen eine andere Perspektive. Manches stimmt überein, manches ist komplett gegenteilig. Es sind Puzzleteile, die mühsam zusammengetragen werden müssen. Nagel zieht sich zurück aufs Land, transkibiert die Interviews, digitalisiert seine Tagebuchaufnahmen, Fotos, Videos – alles, was er aus dem Sommer 1999 bekommen kann. Als er nicht weiterkommt, fliegt er sogar an die Orte, um sich zumindest vergewissern zu können, dass er wirklich dort gewesen sein muss. Irgendetwas MUSS ihm doch vertraut vorkommen?

So ist das mit unseren Erinnerungen. Sie spielen uns Streiche. Sehr oft. Und es stellt sich die Frage, ob man diese Zeit überhaupt noch einmal so zurückholen kann, wie sie passiert ist. Es gibt aber keine Objektivität in der Erinnerung. Alles ist subjektiv aufgenommen und verarbeitet worden. Eine Wahrheit zu finden wird da schwer. Das weiß Nagel auch. Ihm bleibt nur noch ein Ausweg, um sich eine gewisse Genugtuun zu verschaffen.

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Thorsten Nagelschmidt (Foto: Harald Hoffmann)

Auf 448 Seiten können wir ab dem 22. Februar 2018 mit Nagel auf Verfolgungsjagd gehen. Der Verfolgung eines Schattens. Die Erinnerung muss ja irgendwo sein und Thorsten Nagelschmidt lässt uns mit eintauchen in diesen einen Sommer, der ihn selber vor größte Überraschungen stellt.

Am Anfang des Romans hab ich mich leicht an Nagels Anfänge mit ‚Wo die wilden Maden graben‘ erinnert, welcher ebenso ein autobiografischer Roman ist. Diesen les ich bis heute immer noch sehr gerne. Eines der wenigen Bücher, das ich immer und immer wieder lesen kann. Mit ‚Der Abfall der Herzen‘ sieht es mit der Leselust nicht minderer aus. Es ist die Sprache, die Nagel benutzt. Schon zu Muff Potter Zeiten waren es die Texte, die mich so zum Fan machten. Und wie gut das auch in Buchform funktioniert! Dieses gekonnte Weglassen von Worten, die nicht gebraucht werden, weil allen unmissverständlich vor Augen ist, was da gerade passiert. Dieses Beobachten und Beschreiben von Menschen und ihrem Tun – auch, wenn es das eigene ist. Es ist fasznierend und entlarvend zu gleich. Das macht den Reiz aus. Denn was Thorsten Nagelschmidt aka Nagel alles passiert ist – oder auch nicht, oder doch? – das lass ich mir nicht entgehen. Solltet ihr auch nicht.

P.S.: Und wem beim Roman die Komponente Musik fehlen sollte: Der Titel ‚Der Abfall der Herzen‘ ist eine Anlehnung an einen Song von The Cardigans:

‚Der Abfall der Herzen‘ von Thorsten Nagelschmidt erscheint bei S. Fischer Verlag, Frankfurt. Mehr Infos zum Buch erhalten ihr auf der Verlagshomepage.

Natürlich geht Thorsten Nagelschmidt auch auf ausgedehnte Lesetour in folgenden Städten:

»Der Abfall der Herzen« LIVE:
22.02.2018  Berlin, Festsaal Kreuzberg, Lesung&Buchreleaseparty, Special Guests: Ralf Richter & Carol Schuler & die »Der Abfall der Herzen«-Liveband
02.03.2018  Mannheim, Alte Feuerwache (Lesen.Hören Festival)
03.03.2018  Enkirch/Mosel, Weingut Immich
04.04.2018  Bremen, Lagerhaus
05.04.2018  Lüneburg, Ritterakademie
06.04.2018  Magdeburg, Moritzhof
07.04.2018  Dortmund, Dortmunder U
08.04.2018  Köln, Gloria Theater
10.04.2018  Bonn, Pauke Live
11.04.2018  Paderborn, Deelenhaus
12.04.2018  Düsseldorf, zakk
13.04.2018  Osnabrück, Lagerhalle (Popsalon Festival)
14.04.2018  Lingen, Centralkino
15.04.2018  Münster, Pension Schmidt
16.04.2018  Hamburg, Uebel & Gefährlich
17.04.2018  Kiel, Studio Filmtheater
20.04.2018  Erfurt, Franz Mehlhose (Erfurter Frühjahrslese)
21.04.2018  Kassel, GoldGrube
22.04.2018  Wiesbaden, Schlachthof
24.04.2018  Regensburg, Ostentor Kino
25.04.2018  München, Volkstheater
26.04.2018  Stuttgart, Merlin
27.04.2018  Saarbrücken, Camera Zwo
28.04.2018  Trier, Ex-Haus
02.05.2018  Bielefeld, Heimat+Hafen
03.05.2018  Nienburg, Kulturwerk
04.05.2018  Nürnberg, Z-Bau
06.05.2018  Frankfurt, Brotfabrik
07.05.2018  Jena, Rosenkeller
08.05.2018  Leipzig, Werk 2
12.09.2018  Flensburg, Volksbad
13.09.2018  Hannover, Pavillon
14.09.2018  Dresden, Scheune
10.11.2018  Weissenhäuser Strand (Rolling Stone Weekender)
17.11.2018  Europa-Park Rust (Rolling Stone Park)

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