Zauberschön. – „Es war einmal und wenn sie nicht“ – Singer-Songwriter lesen Grimms Märchen

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Zauberschöneres kann es nichts geben: deutsche Singer-Songwriter lesen Grimms Märchen. Keine Geschichten sind uns so wohlbekannt und nicht mehr aus unserer Kultur wegzudenken. Und diese erzählt zu bekommen von Sängern, deren Stimmen wir so gut kennen, ist gar ein Geniestreich. Hier wollen Kinder und Erwachsene still sein und zuhören.

Wenn meine Mutter Geschichten über mich als Kind erzählt, kann ich oft gar nicht glauben, was für ein gewitztes Kind ich gewesen sein muss. Passenderweise hat eine dieser Anekdoten etwas mit Märchen zu tun: Ich habe es als Kind geliebt, wenn man mir vorlas. So saß ich schon im Bärchenschlafanzug in meinem Bett, die Bettdecke über dem Schoß und wartete auf denjenigen, der sich erbarmte, mein nimmermüdes Geschichtenzuhören zu stillen. An einem dieser Abende war es meine Mutter, die sich mit unserem dicken Grimms Hausmärchen Buch auf einem Stuhl an mein Bett setzte und mir vorlas. Meiner Mutter machte das Vorlesen jedoch mehr Mühe, als Spaß. Es war nicht so ihr Ding, doch was tut man nicht alles für sein Kind. Also las sie vor und derweil machte ich wohl auf sie den Eindruck, ich höre gar nicht zu. Ich schaute in der Gegend herum und beschäftigte mich mit anderen Dingen. Sie war darüber etwas ärgerlich, machte es ihr doch solch eine Mühe mir vorzulesen. Mitten im Märchen hörte sie auf, ich sah sie an und sie warf mir vor, ich würde ihr ja gar nicht zuhören. Ich verneinte trotzig. Da forderte sie mich heraus und fragte mich, was denn gerade in der Geschichte passiert sei. Wild gestikulierend erzählte ich darauf haarklein das Märchen nach bis zu der Stelle, wo sie gestoppt hatte. So musste sie sich geschlagen geben und ich bekam freudig mein Märchen zu Ende erzählt.

Grimms Märchen Titelblatt von 1819 (wikipedia.de)

Grimms Märchen Titelblatt von 1819 (wikipedia.de)

Geschichten zu erzählen gehört zu einer langen Tradition der Menschheit. Was früher zur Unterhaltung und Erziehung im dunklen Wohnzimmer am Ofen im Kerzenschein gedient hat, verschwindet heutzutage auf Grund medialer Übersättigung immer mehr. Dabei sind doch gerade Grimms Märchen weltberühmt und jeder kennt die gängigsten Märchen! Das nur aufgrung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die in ihrem Auftrag als Sprachforscher durch das hessische Land zogen und sich von den kleinen Leuten alte Geschichten erzählen ließen, die sie aufschrieben, damit sie auch fest niedergeschrieben wurden und nicht irgendwann in Vergessenheit geraten würden. Das ist zum großen Teil aber auch nur ein Märchen. Die Gebrüder Grimm zogen nicht umher, sondern ließen gebildete Leute zu sich kommen, die ihnen die Geschichten erzählten, die sie wiederum noch einmal so aufschrieben, wie sie ihnen besser gefielen. Doch dank der Gebrüder Grimm haben wir noch heute diese Geschichten, die hoffentlich auch noch heute nachwievor den Kindern vorgelesen werden. Denn noch immer sind sie ein Teil unserer Kultur und das ist auch gut so.

Eines der schönsten Beiträge zum Grimm-Jahr ist das Hörbuch „Es war einmal und wenn sie nicht“, das der Hamburger Musiker Wolfgang Müller initiierte. Das Projekt ist wieder ein Beispiel, wie durch Plattformen z.B. Start Next solche Dinge vorfinanziert werden können, um dann die Möglichkeit zu haben verwirklicht zu werden.

Vor 200 Jahren sind die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm als Buch erschienen. Dies war der Anlass für diese vorher noch nie dagewesene Umsetzung: 17 deutschsprachige Singer- und Songwriter lesen aus Grimms Märchen vor. Als Textgrundlage wurden hierfür die Originalversionen aus den Jahren 1812-57 genommen. Ganz genauso, wie sie auch in dem Märchenbuch stehen, die ich vorgelesen bekam.

Der Clou bei der ganzen Sache ist, dass auf diesem Hörbuch tatsächlich nur gesprochen wird. Keiner der Sänger singt etwas. Jeder der Sänger suchte sich sein ganz eigenes Märchen selbst aus und erzählt es auf die ihm ganz eigene Art und Weise. Denn das können sie alle: Geschichten erzählen. Egal, ob es die sind, die sie in ihren Lieder erzählen oder die ganz Alten von vor 200 Jahren.

Beim Hören des Hörbuchs wird es einem ganz wohlig. Nicht nur, weil man bekannte Geschichten wiederhört und wiederentdeckt, sondern auch weil sie in der Verbindung von wohlbekannten Stimmen wieder zu einem stoßen. Denn wir alle kennen nur zu gut diese Stimmen. Und so erleben wir die Märchen aus unserer Kindheit auf ein Neues und erleben so einige besondere Momente: Überragende Erzählkünste von Tom Liwa, wie er berichtet, wie Dornröschen aus ihrem 100 Jährigen Schlaf erlöst wird, Ingo Pohlmann, der dem Teufel mit den drei goldenen Haaren die Antworten zu den drei unlösbaren Problemen entlockt oder wie Wolfgang Müller mit uns in den Krieg zwischen dem Zaunkönig und dem Bären zieht. Putzig wird es, wenn die Erzähler die verschiedenen Stimmen nachmachen. So z.B. bei Thees Uhlmann, der die sieben jungen Geißlein vor dem Wolf rettet. Unfreiwillig komische Momente erhört man bei ClickClickDecker. Nur bei ihm erfahren wir auf wunderbarste Weise warum die kluge Else doch nicht so klug ist. Und kein Anderer als Moritz Krämer könnte wegen seines trockenen Erzählens die wirklich herzzereißende und traurige Parabel vom Tod des Hühnchens erzählen.

Jeder Einzelne Sänger steuert eine Perle bei, die man sich sicherlich nicht nur einmal anhören wird. Ich muss ja ehrlich zugeben, ich bin kein Mensch von Hörbüchern. Obwohl ich mir früher so gerne vorlesen ließ und, wie es meine Mutter berichtet, ich ja alles haarklein widergeben konnte, kann ich dem Ganzen heute nicht mehr durchgängig folgen. Doch bei diesem Hörbuch bin ich ganz traurig, wenn die letzten Worte von Marcus Wiebuschs gestiefeltem Kater erklingen. Denn ich will noch mehr hören, aus dieser Welt, „in der das Wünschen noch geholfen hat“, so, wie es uns Gisbert zu Knyphausen weissagt am Anfang seines Froschkönigs.

Ohne Musik geht natürlich nichts! Alle Märchen werden eingerahmt und zwischenbegleitet durch Instrumentalstücke auf der Lapsteel Gitarre von Dinesh Katelsen, dem ehemaligen Gitarristen der Band Fink.

Das Hörbuch erscheint als doppel CD und Download und für die ganz eifrigen gibt es eine auf 500 Stück limitierte Vinylbox mit drei LPs. Gerade dort muss das wunderschöne Artwork atemberaubend rüberkommen. Die Hamburger Tattoo-Künstlerin Jules Wenzel illustriert und interpretiert die Bilder der Erzählungen auf ganz eigensinnig und großartige Art und Weise.

Wer das Ganze doch nochmal live erleben möchte, dem sei die Lesung am 10.11. im Uebel&Gefährlich in Hamburg angeraten. Mit dabei sind Gisbert zu Knyphausen, Jan Plewka, Moritz Krämer, Francesco Wilking, Tom Liwa, Wolfgang Müller, ClickClickDecker und Tex. Als Special Guest spielt Dinesh Katelsen.

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