„Underneath, there’s a perfect sky“ – Über gute Musik und ihre Miseren

Biffy Clyro "Opposites" Cover

Biffy Clyro „Opposites“ Cover

Sehen wir der Tatsache doch mal ins Auge: Es gibt da draußen einfach viel zu viel Musik. Und das Schlimme daran: Es gibt viel zu viel gute Musik! Wie soll man das alles aufnehmen, sich damit auseinander setzen und im besten Fall eine Liebe dazu entwickeln? Es bleibt einem doch nichts anderes übrig, als zu differenzieren, für sich die Entscheidung zu treffen: Damit beschäftige ich mich jetzt – oder eben nicht.

Aus diesem Grund bleibt mir vielleicht das eine oder andere (erstmal) verborgen. Ich habe auch manchmal den Reflex, wenn plötzlich ein Hype um etwas gemacht wird, es erstmal nicht zu beachten. Weil: Sollen doch erstmal alle anderen sich damit beschäftigen. Später wird sich ja herausstellen, ob es sich wirklich als ‚ach-so-grandios‘ herausgestellt hat. Dann kann ich mich immer noch damit beschäftigen. Dann kann ich zwar nicht mehr sagen „Ich kannte die schon, da haben sie in dem winzig kleinen Club gespielt“, aber ey, keiner mag diese Menschen. Und mir ist auch im klaren, dass mir dadurch wirklich was entgehen könnte, aber da wären wir wieder am Anfang: ES GIBT EINFACH ZU VIEL SCHÖNE MUSIK DA DRAUßEN!!! Somit schließt sich der Kreis. Mein Gehirn hat nicht genug Kapazität, um mich mit jedem so individuell und emotional auseinander zu setzen. Dafür ist mir Musik zu kostbar, als dass ich ganz viel nur ganz bisschen kennen möchte. Dann lieber weniger, aber dafür mit mehr Herz. Denn das Gute wird eh bleiben. Und Musik wird ewig bestehen.

Im Übrigen bin ich der festen Überzeugung, dass nicht der Hörer sich die Musik aussucht, die er hört und gut findet. Sondern, dass die Musik sich ihren Hörer selber sucht von dem sie gehört und geliebt werden will. Das ist vielleicht eine verrückte, esoterische Sichtweise, aber es ist mir schon so oft widerfahren. Was könnte ich euch für Geschichten erzählen, wie das z.B. mit Tomte damals anfing. Das war keine Liebe auf den ersten Hörgenuss. Ich hab sie gehört und für blöd empfunden, weil es für mich damals keinen Sinn gemacht hat. Es hat einige wirklich krasse Umwege gebraucht, bis ich endlich begriff: Ey, hallo Ich, das könnte was Wichtiges für dich sein. Und wie ihr und ich ja wissen: Keine Lybe ist stärker als die meinige zu Tomte. Und mit dieser These kann ich mich etwas mehr zurück lehnen, weil ich weiß: Die Musik, die mich wirklich erreichen will und mein Leben bereichern könnte, kommt doch eh früher oder später zu mir. Entweder direkt – oder mit hunderten Abbiegungen und Abzweigungen. Aber am Ende zu merken, wie nah man dieser Musik die ganze Zeit war, macht das ganze wieder spannend.

Ein aktuelles Beispiel für diese Misere ist Biffy Clyro. Natürlich kannte ich Biffy Clyro schon länger. Ich wusste, dass es sie gibt und wo ich ihre Musik genremäßig einordenen könnte, ohne wirklich je einen Song gehört zu haben. Das funktioniert ja ganz gut, wenn man sich etwas mit der Musikpresse beschäftigt. Aber hier auch wieder: Ich war felsenfest davon überzeugt, das sei zwar eine okaye Band, aber für mich sowas von uninteressant. Damit würde ich ja nur meine Zeit verschenden. Nunja, da bin ich mir aber mal hallo schön selbst auf den Leim gegangen. Dedemm.

Ich habe das große Glück zurzeit mit und für Musik arbeiten zu dürfen und somit ist es wahrlich eine Pflicht, dass wir am Arbeitsplatz Musik hören müssen. Und so läuft man an den Büros vorbei und ist umhüllt von so viel Musik, die man noch nicht kannte, was ich als Bereicherung ansehe. Und so geschah es, dass mein lieber Kollege wie meist den DJ spielte und unseren Arbeitsalltag mit Musik unterlegte. Oft sucht er was aus und lässt es Kommentarlos abspielen. Das mag ich, weil ich a.) gerne Musik rate und b.) somit die Möglichkeit bekomme unvoreingenommen diese Musik zu hören. Oft ist der Name einer Band – jedenfalls in meiner Welt (s. Ausführung o.) – mit einer bestimmten persönlichen Meinung konnotiert und dann würde ich die Musik für mich nicht mehr zulassen.

So läuft, wie gesagt, diese Platte, von der ich keine Ahnung hatte. Ein paar Lieder liefen, es war schon mal ok. Ich war gerade ziemlich beschäftigt, hörte nur mit einem Ohr hin. Aber dann, warum auch immer gerade während diesem Song, nahmen diese Worte meine gesamte Aufmerksamkeit auf:

You are the loneliest person that I’ve ever known
We are joined at the surface but nowhere else
I look in the glass and stare at your strained, grey, motionless face and ask
Underneath, is there a golden soul?

Take care of the ones that you love
Take care of the ones that you love

Baby, I’m leaving here
You need to be with somebody else
I can’t stop bleeding here
Can you suture my wounds?

Und schon hatte mich diese Musik. Ich wartete, bis der Song um war, drehte mich sofort zu meinem Kollegen um und wollte wissen, was wir da gerade hörten. Als ich Biffy Clyro als Antwort bekam, konnte ich es gar nicht glauben. Verdammt, wieder eine Band, die ich schon früher hätte kennen und lieben können. Aber wie gesagt, ich bin der Überzeugung, dass genau jetzt der Moment gekommen ist, dass ich diese Band hören sollte. Ausgerechnet der Titelsong sollte den Ausschlag geben. Und „Opposites“ hatte meine Liebe entbrannt.

Was für ein zusätzliches Glück, dass Biffy Clyro auch noch ein Doppelalbum an den Start brachten. Da muss man ja meist eher vorsichtig sein. Viele Bands haben ja schon Probleme nur ein Album durchgängig gut zu füllen. Ein Doppelalbum ist schon eine Kunst. Ich besorgte mir gleich die Platte und hörte, hörte, hörte. Und war und bin noch immer durchgängig begeistert. Da ist – meiner Meinung nach – einfach kein Song, der nur ‚ganz okay‘ ist. Bei dem man sagen könnte, der hätte nun auch nicht unbedingt auf das Album gemusst. Und vor allem hab ich nicht das Gefühl über den Tisch gezogen worden zu sein. Dass da die fuchsige Plattenfirma meinte, unbegründet mehr Reibach machen zu müssen. Denn: man bekommt (jedenfalls die CD Version) für einen vernünftigen Preis im Handel! Da ist ja mal alles richtig gemacht worden. Na, sowas!

Somit darf ich mich durch grandiose 80 Min (jaaa, pro CD ca. 40 Min!) durchschwelgen und begeistern lassen. Der erste Opener ‚Different People‘ macht den perfekten Anfang: Leise und ruhig beginnt das Stück mit angeschlagenen Gitarrenakkorden, um dann in der Mitte richtig schön auszubrechen! Was für eine Wucht, die mich jedes Mal wieder mitreißt. Denn diese Band kann beides. Ruhige Passagen, aber auch richtig schön in die Saiten bzw. Felle hauen. Eine Rockband, auf die der Begriff zutrifft.

Besonders textlich haut mich die Platte immer wieder aus den Socken.

„Everyone is beginning to breathe as I break down
You are in love with a shadow that won’t come back
Sooner or later we all have to wait
Try forgetting everything
Underneath, there’s a perfect sky“

„The secrets in the snow
Will always come out in the thaw
All those terrible things,
Can’t you entertain us all?“

„Once you feel love, you’ll taste the pain“

„The light leaves me terrified
I hate when the darkness dies
Don’t you ever want to be brave?
It seems that we feel the same way“

„If this is an accident then where’s the hurt?
At least someone here should be covered in blood“

Sätze, die man sich am liebsten auf den ganzen Körper tattoowieren möchte und die Faust in die Höhe strecken. „Opposites“ ist ein grandioses Album, was vor Hymnen nur so strotzt.

Und zur Klarstellung: Ich weiß rein gar nichts über die vorhergehenden Alben. Ich weiß nicht, wie sie früher klangen. Nach meiner Recherche gibt es ganze 5 Vorgängeralben. Auch so ne super Sache, Bands erst viel später zu entdecken: Nun kann ich mich durch eben diese ganzen 5 Alben wühlen und habe von der Liebe gleich mehr davon. Juhu!

Ich für meinen Teil steh zwar nicht auf diesen Top-10-Endjahreslisten-Quatsch. Aber würde ich solche Listen führen, wäre diese Platte auf jeden Fall jetzt schon dabei.

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