„Wer du bist.“ Seelenstriptease.

JasminWer ich bin? Manchmal weiß ich darauf echt keine richtige Antwort. „Hallo! Ich bin Jasmin. Ich mache dies & das. Und überhaupt.“ Aber das ist nur ein harmloses Kratzen an der Oberfläche. Manchmal ist man dann ja schon froh darüber, wenn sich der Gegenüber noch den Namen merken kann. Ich komme mir gerade vor wie Forrest Gump. Mit einem kleinen Koffer an meiner Seite. Sitzend auf einer Bank. Wartend. Und dann gesellen sich fremde Menschen zu mir. Und ich erzähle ihnen etwas. Ob sie es nun hören wollen oder nicht.

Ich bin Jasmin. Ja, an diesem Punkt waren wir schon. Mitte zwanzig. Ich denke oft zurück & frage mich: Wo ist eigentlich die Zeit geblieben? Die Jugend? Und dann überkommt mich das Gefühl, dass ich alles verschlafen habe in meinem bisherigen Leben. Dieses „Eigentlich habe ich nichts erlebt.“ Ding. Ich habe nichts erreicht.

„In diesem Kopf ist kein Platz mehr.“

Ich war schon immer ein sehr zurückhaltender Mensch. Früher war das tatsächlich noch extremer gewesen. Damals wie heute können das Menschen, die viel offener (& darum beneide ich sie ein wenig) durch’s Leben gehen, nicht nachvollziehen. Da bekommt man dann immer irgendwas an den Kopf geworfen. Ob „Spielverderber“ oder sonst etwas. Und irgendwann ist für mich dann ein Abend ruiniert, weil man mich nicht akzeptiert wie ich bin. Die Laune sinkt. Ich blocke immer mehr ab.

„Alles geht kaputt.“

In der Schulzeit habe ich alles gehasst, was man vor der gesamten Klasse aufführen musste. Vorträge. Gedichte. Singen. Man kann schon sagen, dass sich eine regelrechte Phobie entwickelte. Wenn ich mich doch mal durchgerungen habe, etwas vor der Klasse zu machen, habe ich es so schnell runtergerattert, dass mir die Lehrerin ein Zeichen gab, dass ich doch mal etwas die Bremse anziehen soll. Hat natürlich geklappt…nicht. Aber bald fing ich an, mit: „Vergessen, das Gedicht zu lernen.“ oder „Nicht vorbereitet, weil ich es nicht mehr geschafft habe.“ Da kassierte ich lieber eine 6, als mich vor eine hungrige Meute zu stellen. Dieses kurze im Mittelpunkt stehen. Auch noch heute nichts für mich.

„Get out of bed kid, face the world, and show us what you can do.“

Wie im Sportunterricht. Wenn man schon so keine Topfigur hatte, war man eh immer der Außenseiter. Egal, wie man es dreht und wendet. Man weiß ja: Kinder können gemein sein. Geräte- und Bodenturnen. Der letzte Scheiß. Ich bin noch nie die Kletterstange hochgekommen. Oder machte eine tadellose Figur am Stufenbarren. Dafür konnte man mich für Handball begeistern. Volleyball. Seilspringen ging auch in Ordnung. Ausdauerlauf. Hochsprung. Aber dennoch hieß es oft aus meinem Mund: „Sportzeug vergessen.“

„Depression war nie tragbar…“

Selbstbewusstsein. Hatte ich noch nie. Vielleicht immer mal ein bißchen. Aber das verging auch schnell wieder, weil Unsicherheit und Unzufriedenheit stärker waren. Bis heute hat sich das perfekt gehalten. Es ging soweit, dass ich 2011/2012 mit einer langanhaltenden Depression zu kämpfen hatte. Anfangs hatte ich gedacht: „Ach, bestimmt nur eine kurze Phase. Schlechte Laune. Hat ja jeder mal.“ Aber sie blieb. Sie war ein Jahr mein fester Begleiter. Ich sagte Konzerte ab, weil ich immer mehr das Interesse verlor. Sogar die Thees-Tour, auf die ich mich Monate vorher noch freute. Aber ich ließ Karten verfallen. Für diverse Konzerte.

„Das Zweifeln im Spiegel, wenn die Lider verkleben.“

Ging nur noch für die Arbeit vor die Tür. Oder kurz den Einkauf erledigen. Im Supermarkt musste ich teilweise schon mit den Tränen kämpfen. Den Arbeitsplatz musste ich hin und wieder für kurze Minuten verlassen, um nicht vor den Kollegen zusammenzubrechen. Ich wurde aggressiver. Hatte mit einer Macke zu kämpfen, die sich während dieser Zeit verschlimmerte. Ich wurde ein Menschenfeind.

„Verzeih, du siehst nicht gerade gut aus…“

Und es machte es auch nicht besser, wenn man Sprüche wie „Ach, das geht in ein paar Tagenwieder vorbei! Solche Phasen habe ich auch manchmal“ oder „Hast du schon wieder deine fünf Minuten?“ hörte. Ich dachte mir: „Ihr wisst doch überhaupt nicht, was Sache ist. Ihr kennt mich kein Stück.“ Man kann da auch nicht sagen: „Ich habe eine Depression. Also verpiss dich!“

„Du bist den ganzen Weg gerannt.“

Jetzt haben wir 2013. Es geht mir wesentlich besser. Aber es schlummert noch immer in mir. Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Es tut mir immer sehr für die Leute leid, die es dann miterleben müssen. Diesen plötzlichen Stimmungsumschwung. War ich gerade noch gut gelaunt, geht es mir im nächsten Moment beschissen. Hab diesen Menschenhass wieder in mir und möchte den Ort so schnell wie möglich verlassen. Nur, damit ich den anderen Leuten nicht den Abend versaue. Ich möchte Menschen, die ich mag, nicht verletzten. Mache es aber manchmal doch unabsichtlich. Und dann wächst die Angst in mir, diese Menschen zu verlieren. Dann fängt der Kopf wieder an zu rattern. Ich stelle alles in Frage. Halte mich für einen schlechten Menschen. Dann ist es auch bereits wieder zu spät: Rückfall. Der alte Teufelskreis, den man nur sehr schlecht durchbrechen kann. Man schottet sich ab, um nicht noch mehr zu zerstören.

„Und was kommt dabei raus, wenn du aufwachst und nicht mal mehr den Grund dafür erkennst.“

Ich stoße mit meinem Verhalten vielen Menschen vor den Kopf. Aber das ist überhaupt nicht meine Absicht. Ich arbeite daran, zumindest diese extremen Stimmungsschwankungen in den Griff zu bekommen. Oder zu versuchen, den Optimisten in mir auszugraben.Vielleicht meine Lebensaufgabe.

„Jeder neue Tag ist ein Geschenk.“

Eigentlich habe ich schon etwas erreicht: Damals wollte ich immer nach Hamburg. Und das bin ich jetzt seit drei Jahren. Auch wenn mich die Großstadt tatsächlich manchmal richtig ankotzt. Aber so ist das wohl, wenn man vom Dorf kommt und es einfach nicht anders kennt. Ich habe einen festen Job. Auch wenn mich dieser täglich um den Verstand bringt. Aber es ist auch schwierig, wenn man einfach nicht weiß, was man ansonsten anstellen kann. Man hat sich damals für die falsche Ausbildung entschieden und nun stehe ich da. Tja.

„Ich möchte andere nicht mit meiner Anwesenheit belästigen.“

Kennt ihr „Friends“? Chandler Bing? In manchen Fällen würde ich mich als das weibliche Gegenstück beschreiben. Ironische Kommentare? Kann ich! Stumpfe Witze? Ebenso. Aber ich weiß nicht, ob man darauf stolz sein sollte. Doch, moment. Ich bin’s!

„In den dunkelsten Stunden.“

Ich liebe es, wenn ich mit dem Auto durch die Stadt fahren kann. Durch abgelegene Dörfer. Und dabei die Lieblings-CD laufen lassen kann.
Ich liebe den Hafen. Nachts besonders. Man kann abschalten. Und einfach die Aussicht genießen. Die Ruhe.
Ich liebe es, wenn ich Artikel schreiben kann. Ausdenken von neuen Sachen. Den Kopf einfach mal machen lassen. So wie jetzt. Auch wenn es gerade nicht 100%ig zum Thema passt.
Ich liebe Tiere.
Ich liebe den Winter.
Das Geräusch, wenn es regnet. Es beruhigt mich.
Ich liebe Schokolade.
Ich liebe Tattoos. Sich die Gedanken zu machen, was als nächstes in die Haut soll. Etwas Bedeutungsvolles. Etwas für die Ewigkeit.

Ich liebe Musik. Es vergeht kein Tag ohne sie. Konzert. CD. Youtube. Soundcloud. Egal in welcher Form.
Ich liebe es, mich eine gefühlte Ewigkeit in einem Plattenladen aufzuhalten. Zu stöbern. Neue Musik zu entdecken. Und ja: Ich kaufe noch CDs!
Ich liebe es Konzerttouren zu machen. Fremde Städte. Neue Abenteuer. Zugfahrten. Alles vergessen. Habe ich schon erwähnt, wie sehr ich mich auf die UK-Tour von The Gaslight Anthem freue?
Ich liebe es, wenn ich neue Songs von Herzensmusikern hören kann. Da werde ich zum Kind. Und das ist ein gutes Gefühl.

Zigaretten. Alkohol. Drogen. Kaffee. Fleisch. Alles nicht.

Musik ist tatsächlich meine Droge. Sie hält mich am Leben. Die beste Therapie.

Aber wenn mich das nächste Mal jemand fragen sollte, wer ich bin, dann wird es wahrscheinlich doch wieder nur die Kurzfassung werden. Zum Anfang reicht das auch vollkommen aus.

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One response to “„Wer du bist.“ Seelenstriptease.”

  1. Manuel says :

    Sehr schön geschrieben! Ich werd immer nur müde belächelt wenn ich erzähle, dass ich auch noch CDs kaufe, aber die mit ihrem Gratis Account bei Spotify wissen Musik doch gar nicht zu schätzen.

    Gruß

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