„Dein Mitleid ist für‘n Arsch“ – Ben Schadow im (etwas anderen) Interview

Ben Schadow Live (Foto: Doro)

Wir nehmen uns gerne Zeit für die Arbeit im Blog und machen uns immer wieder Gedanken darüber, wie man Musiker, euch, unsere Leser, aber auch uns selbst auf Trab halten kann, um somit vielleicht ein bisschen mehr aus diesem Meer aus Musikblogs herauszustechen. Rezensionen sehen bei uns auch meist anders aus als bei anderen und neue Kategorien gibt es ab und zu bei uns zu entdecken, wie die „Some words about…“-Reihe. Nun sollte eine neue Form des Interviews getestet werden. Und wer durfte als Versuchskaninchen herhalten? Niemand passenderes als Ben Schadow! Während seiner Tour zu seinem Soloalbum „Liebe zur Zeit der Automaten“ saßen wir unter Frankfurts Sonne vor dem Club und ich war während dessen etwas besorgt, ob meine Idee auch wirklich so funktionieren würde, wie in meinem Kopf ausgedacht.

Das etwas andere Interview…

Ich erkläre kurz die „Spielregeln“: Es gibt zwei verschiedene Arten von Karten. Unter denen, die mit dem Cover von Bens Album bemalt sind, stehen Assoziationen zu jeweils einem Song des Albums in Form von Begriffen, was mir beim Hören der Lieder eingefallen ist. Ben hat dabei die Aufgabe durch meinen Assoziationsbegriff selber den gemeinten Song von ihm zu erraten. Und darauf etwas zu diesem Song aus dem Nähkästchen zu plaudern. Auf den anderen Karten stehen Stichpunkte, um einen roten Faden durch das Interview“spiel“ zu ziehen. Es werden immer im Wechsel eine der beiden Kartenarten aufgedeckt. Somit weiß der Interviewte, aber auch ich als Interviewende nicht, wie sich das Interview entwickeln wird. Hört sich das kompliziert an? Dann fangt einfach an zu lesen. Im Spiel erklärt sich ja meistens, wie es funktioniert.

Erfahrt also, warum Ben gegen eine Backsteinmauer singen musste, warum er seinen Songs Vornamen gibt und entdeckt die vielen kleinen Besonderheiten, die in den Songs versteckt sind.

(großer) Chor

Ben: Das ist natürlich das Ende von „Ich hab geträumt, ich sei tot“. Also, großer Chor und kleine Chor, das ist natürlich so eine Theater-Sache. Im griechischen Theater gab es immer einen Chor, der Dinge kommentiert hat. Auf meiner Platte ist es so, dass der Chor den Rahmen bildet für die Platte. Das heißt aber noch lange nicht, dass es ein Konzeptalbum ist oder eine durchgehende Geschichte. Ich fand bloß den Gedanken schön, dass es einen Rahmen gibt und man das Gefühl hat, die Platte fängt an und die Platte hört auf. Und der große Chor ist deshalb ein großer Chor, weil ich dachte, dass all meine Freunde, die ich irgendwie greifen kann zu dem Zeitpunkt, an dem ich ihn aufnehmen wollte, mitsingen oder dabei sind. Das ist dann auch an drei verschiedenen Orten passiert, also nicht alles gleichzeitig. Das eine Mal in Düsseldorf waren so 25 Leute im Raum und haben mitgesungen.

Club vs. Festival

Ihr habt auf der Tour ein Open Air Konzert gespielt. Wie war das?

Ben: Es war furchtbar! Die schlimmste Erfahrung meines Lebens! Ich möchte den Club jetzt nicht dazu nennen, weil das gemein wäre. Auf jeden Fall haben wir in einer Art Biergarten gespielt, was erstmal nicht so schlimm ist. Ich mag Biergärten. Das Problem war aber, dass der Veranstalter kurz vor der Veranstaltung Panik bekommen hat, dass das Konzert eventuell zu laut ist und auf die interessante Idee gekommen ist, die Bühne falschrum aufzubauen. Das heißt, wir haben mit dem Gesicht zu einer Backsteinwand gespielt, die Boxen standen mit dem Rücken zum Publikum und wir auch. Hinter uns saßen dann 150 Leute, die gegessen und Bier getrunken haben und wir standen vor einer Backsteinwand und mussten so leise spielen, wie wir es irgendwie konnten. Es war wirklich das demütigenste Erlebnis, was ich jemals hatte. Es war natürlich trotzdem so skurril, dass wir die ganze Zeit lachend auf der Bühne standen, aber es war auf jeden Fall absurd, was da passiert ist. Danach meinte dann der Veranstalter: Hey, warum habt ihr das eigentlich draußen gemacht? Unten im Club sind immer total gute Konzerte. Wir wissen nicht, wer auf die Idee gekommen ist, die Bühne da oben aufzubauen. Es hätte eigentlich ein ganz normales Konzert sein können.

Und wie war sonst die Tour bis jetzt?

Ben: Es ist wie immer. Es könnte alles ein bisschen besser besucht sein. Ein bisschen zerhackt stückt ist die Tour dadurch, dass ich insgesamt mit vier verschiedenen Besetzungen spielen muss innerhalb von knapp 3 Wochen. Das nervt mich ein bisschen, aber es ist auch schön, weil es deswegen aufregend bleibt und weil man jeden Abend ein bisschen anders klingt. Das macht schon Sinn. Und um nochmal auf die Karte zurück zu kommen: Ich würde immer den Club vorziehen, ich mag Open Air nicht besonders.

There’s a light that never goes out (The Smiths)

Ben: Oha, jetzt geht‘s aber ins eingemachte.

Welchen Song meine ich damit?

Ben: Einen Song? Von mir?

Ja, was auf den Karten steht, sind meist Assoziationen, die ich zu deinen Songs hatte.

Ben: Achso. Naja, ich hab ein Problem mit den Smiths, ehrlich gesagt. Ich hasse die Smiths. Ich kann dieses ganze scheiß Indiegetue mit den scheiß Smiths nicht ertragen. Das ist für mich eine langweilige Schrottband, die ich verachte. Aber zurück: Welches Lied soll das sein? Ich weiß es nicht.

Ich meine „Eigentlich kann es ja nicht mehr besser werden“, wegen der Zeile „Ich frage dich, wollen wir nicht jetzt lieber sterben, denn eigentlich kann es ja nicht mehr besser werden“. Hat mich inhaltlich gleich an den Refrain von „There’s a light that never goes out” erinnert (And if a double-decker bus crashes into us to die by your side is such a heavenly way to die).

Ben: Ja, hm, ich find meine Zeile viel besser. Die ist viel direkter. Ich kann Menschen, die kein Fleisch essen, einfach nicht ernst nehmen. (grinst) Aber natürlich, der Gedanken hinter dem Song ist, dass man in ganz wenigen Momenten wirklich glücklich ist und in den Momenten sollte man das eigentlich festhalten, damit es nicht wieder schlechter wird, aber das geht natürlich nicht. In dem Lied werden ja verschiedene Momente erzählt und als Hörer soll man den Eindruck bekommen, dass es eigentlich die ganze Zeit schön sein kann, wenn man es sich selber schön macht. Jeder Moment kann schön sein, wenn man sich anstrengt und alles gar nicht schlimm ist.

Das Projekt Ben Schadow

Wie fühlt es sich an, jetzt der Mittelpunkt zu sein?

Ben: Gut. Sehr gut. Ich hab das Gefühl, dass es viel zu lange überfällig war und dass ich ganz schön viel Zeit vertrödelt habe. Ich merke, dass so langsam wieder eine Sicherheit kommt auf der Bühne, die ich mal vor 10 Jahren hatte, als ich mit Les Garçons unterwegs war. Ich hätte das die ganze Zeit weiter machen sollen, weil das viel mehr befriedigender ist als nur an der Seite zu stehen und Leute zu begleiten. Ich hoffe, dass ich die Möglichkeit bekomme, möglichst bald die nächste Platte zu machen und ganz viel auf Tour zu gehen. Auch wenn keine Leute kommen (lacht).

Ben: Auf dieser Karte ist ein lachendes Gesicht und das bedeutet: Sei immer fröhlich, ärger dich nicht, über gar nichts und nimm ganz viel Extacy.

Haha, nein, zu dem Song ist mir nichts Beschreibendes eingefallen. Das einzige, was ich bei dem Song immer denke: Ach, der macht mich glücklich.

Ben: Welcher Song kann das denn sein?

„Zusammen zuletzt“

Ben: Achja. Das ist für mich der schwerste Song auf der Bühne, weil ich ihn mir ein bisschen zu hoch geschrieben hab und ich kann nicht so hoch singen, ich bin sowieso ein schlechter Sänger. Und dann hab ich immer total Angst davor es zu singen. Meistens geht es ja irgendwie, aber danach will ich mir das nie anhören, weil ich denke: Das könnte so schön sein, wenn es jemand schön singen würde. Heute unterstützt mich bei dem Song Micha (Schlagzeuger) ganz gut. Er singt den kompletten Song von hinten leise mit. Das ist schön.

Album

Mit welchem Begriff würdest du selbst dein Album beschreiben?

Ben: Das ist schwierig. Da habe ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht. (denkt nach). Blau. Dunkel. Fröhlich. Es ist eine Sammlung aus den letzten drei-vier Jahren von Songs, die ich geschrieben hab, weil ich bestimmte Künstler gerne mochte in der Zeit. Also jeder Song hat einen Patenkünstler.

Ach, das hättest du doch noch zu den Songs dazusagen können!

Ben: Nee, das wird natürlich nicht verraten. Das soll sich jeder selber denken, wer da Pate stand. Während der Zeit des Aufnehmens hatten die Songs die Vornamen der Menschen, die Paten standen.

Du hast es ja schon gesagt, dass dein Album nicht als Konzeptalbum angelegt ist. Du hast ihm aber trotzdem eine Form gegeben. Im Info wurde es als „Reiz des sozialen Aufeinanderstoßens“ beschrieben.

Ben: Die Platte ist genau an einer Bruchstelle einer Beziehung entstanden und in der Zeit, in der ich versucht habe neue Freunde zu finden. Ich hatte mich am Ende der Beziehung relativ weit ins Abseits bewegt, einfach dadurch, dass ich mit niemandem etwas zu tun haben wollte. Und das Album ist genau an dieser Bruchstelle entstanden, an der ich gesagt hab: Ok, jetzt muss ich mal wieder gucken, dass ich nach draußen geh. Deswegen ist überhaupt erst das Projekt entstanden, weil ich auch dachte, ich muss wieder auf die Bühne. Deswegen handeln wirklich fast alle Lieder davon, dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe, wie es ist, unter Leuten zu sein. Dass man viele Sachen sagt, die man gar nicht so meint, und dass ist natürlich bei jedem anderen auch so, dass man quasi die ganze Zeit aufeinanderclashed mit Worten, die vielleicht gar nicht 100 Prozent das Emotionale widerspiegeln. Man ist eigentlich die ganze Zeit unehrlich, obwohl man es gar nicht sein will, obwohl man versucht, ehrlich zu sein, auch allein dadurch, dass man Sprache benutzt.

Ben Schadow mit Band (Foto: Doro)

(kleiner) Chor

Ben: Ok, pass auf: Zum kleinen Chor gibt es eine Besonderheit zu. Ich habe den kleinen Chor selber mal aufgenommen, ganz alleine mit mir selber. Und hatte ihn auch mal für eine kurze Zeit auf meiner Myspace Seite stehen als Demo. Es war von Anfang an als Intro gedacht für die Platte. Es hat mich viele, viele Stunden gekostet es so hinzubekommen, dass man erahnen konnte, was der Chor sein sollte. Und dann habe ich bis ganz knapp vorm Master der Platte das Ding rausgeschmissen, weil ich dachte, ich kann den Song so nicht auf die Platte pressen. Bis ich dachte: Na gut, dann lässt du es halt andere Leute singen. Ich hab dann nur eine Stimme übernommen und die anderen 4 Stimmen haben Micha, Dirk, Mery und Pele übernommen, also die Leute, mit denen ich die ganze Zeit unterwegs bin. Was eine gute Entscheidung war, jetzt macht der Chor irgendwie Sinn. Das ist schön. Es hat mir wieder mal gezeigt, nur weil man sich etwas ausgedacht hat, nicht unbedingt der einzige sein muss, der das dann auch präsentiert. Manchmal ist es gerade dann gut, wenn es andere Leute präsentieren oder sogar besser. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten vor der Tour, dann hätte ich den gerne geprobt mit den Leuten. Das wäre schön gewesen. Aber das ist echt zu schwer.

Kunst

Du beziehst dich mit deinem Albumtitel auf eine Erzählung von E.T.A. Hoffmann. Wie sehr inspiriert und beeinflusst dich andere Kunst im Allgemeinen?

Ben: Sehr. Also meistens ist es Musik. Es gibt so viele Lieder, die ich toll finde, bei denen ich denke: Man, warum hab ich das nicht geschrieben! Dann denke ich, ich möchte etwas schreiben, was ähnlich ist oder für mich was ähnliches auslöst und das ist tatsächlich oft der Auslöser dafür, dass ich einen neuen Song schreibe. Das ist der musikalische Teil. Bei den Texten ist es oft so, dass ich Bücher lese, die einzelne Sätze haben oder Geschichten erzählen, die ich gut finde oder eine Stimmung genau treffen, bei denen ich denke, dass man das in Liedform quetschen müsste. Was ich nicht so oft habe, sind Bilder. Ich hab einmal ein Lied zu einem Bild geschrieben, aber das kommt nicht so oft vor. Die drei großen Kunstrichtungen, die ich sehe, also abbildende Kunst, Musik und Literatur, davon sind auf jeden Fall Musik und Literatur das, was mich am meisten bewegt, Songs zu schreiben. Theater ist für mich keine Kunst. (grinst)

Machst du noch was anderes außer Musik, um dich künstlerisch auszutoben?

Ben: Ja, ich male und zeichne. Ich konnte das mal richtig gut. Ich bin sehr schlecht geworden mittlerweile, aber ich wollte das wieder auffrischen. Das Problem ist, dass ich fast gar keine Zeit dazu habe.

Should I stay or should I go? (The Clash)

Ben: Da hätt ich jetzt gesagt, das wär „Zusammen zuletzt“.

Nein, ich mein „Wie leicht es wär, einfach zu bleiben“.

Ben: Ach, stimmt. Da hast du recht. Der Song beschreibt genau die Situation, die ich in meiner letzten Beziehung hatte. Die Beziehung war im Arsch und man zieht es trotzdem in die Länge und denkt sich: Man, wir haben jetzt irgendwie 6 ½ Jahre zusammen ausgehalten, das können wir doch jetzt nicht einfach zu aufgeben, wir müssen das weiter probieren, wir müssen das irgendwie retten, wir müssen gucken, dass wir das wieder hinkriegen, es kann nicht sein, dass das jetzt vorbei ist. Und das macht man viel zu oft, obwohl man eigentlich weiß, dass man nicht dableiben kann, bleibt man trotzdem da. Weil es leicht ist, weil man sich dran gewöhnt hat. Weil man denkt, das ist das, was ich mir aufgebaut habe, das kann ich nicht wieder einreißen. Die richtige Entscheidung wäre aber in dem Moment zu sagen: Cut, ich muss weiter, ich muss sehen, dass ich was Neues anfange. Also alles ganz wortwörtlich. Ich hab in irgendeiner Rezension auch gelesen, dass meine Texte „naiv-deutlich“ sind. (lacht) Sind sie auch, aber wenn man mal auf die Form achtet und die Texte ein wenig untersucht, dann entdeckt man ganz viele Kleinigkeiten, die kein anderer deutsche Texter so hinbekommt. (grinst) Ein Lied z.B., was ich gerne mag, was aber nicht auf der Platte ist, geht so: „Wie sagte sie so nett: …“ und dann geht es in Sonett-Form weiter. Das ist natürlich eine Sache, die niemandem auffällt, aber es gibt bei mir ganz viele Sachen, die ich eingebaut habe. Es geht viel um Formen und Form ist komplett aus der Mode. Es gibt z.B. Leute, die sich beschweren, dass sich meine Texte reimen. Es gibt nur einen einzigen unreinen Reim auf der Platte und ich hasse unreine Reime, aber an der Stelle ergibt er Sinn, weil es darum geht, dass es in dem Moment nicht zusammen geht. Und das ist so ne Sache, die mach ich, die macht aber keiner sonst. Kriegt ja auch keiner mit. Macht sich auch keiner Mühe, sich das so genau anzugucken.

Wahrheit/ Authentizität

Wie wichtig sind dir Wahrheit und Authentizität in deiner eigenen Kunst?

Ben: Die sind natürlich sehr wichtig. Ich glaube, jemand, der auf der Bühne steht und nicht das verkörpern will oder kann, was er gerade sagt oder ausspricht, ist nicht so viel wert. Als Künstler jedenfalls. Er ist dann ein Schauspieler. Ein Schauspieler ist natürlich auch ein Künstler, aber, ach was weiß ich. Trotzdem sehe ich es natürlich so, dass man manchmal in seiner Kunst Sachen verarbeitet, die man vielleicht selber nicht erlebt hat oder die man selber auch noch nie gefühlt hat, aber man hat eine Vorstellung davon und man versucht die Vorstellung weiter zu tragen. Ich finde, das reicht schon. Wahrheit und Kunst ist eine schwierige Sache, finde ich. Kunst ist etwas oft aus dem Nichts erschaffenes, etwas, was ausgedacht ist. Es ist in dem Moment vielleicht nicht unbedingt wahr. Wenn ich diesen Baum male und daneben male ich den Turm von Pisa, dann ist er nicht da, also ist es nicht die Wahrheit, aber trotzdem kann es Kunst sein. Oder ist genau deshalb Kunst. Authentizität ist generell immer wichtig.

Meine nächste Frage war, die du es bei anderen Künstlern siehst.

Ben: Ich finde auf jeden Fall Morrissey extrem authentisch. Wirklich. Aber ich finde ihn nicht sehr künstlerisch. Auf jeden Fall finde ich, dass es Kunst auch im ganz kleinen Rahmen gibt. Man kann auch zu zweit, wenn man zu Hause ist und sich gegenseitig ein Essen kocht, Kunst kreieren dabei. Thomas (Produzent der Platte und Pele-Ersatz) z.B. ist ein extrem guter Koch und was er da macht, ist auf jeden Fall Kunst für mich. Das ist eine Sache, die kann nicht jeder und es hat das Ziel, dass es irgendjemand erfreut und sich jemand daran erlaben kann, weil da jemand was macht, was sonst keiner kann. Das ist für mich Kunst.

Monster

Ben: Du meinst damit bestimmt „Was, wenn es mich wach entdeckt“. Das klingt jetzt gleich ein bisschen esoterisch, obwohl ich gar nicht esoterisch bin: Ich wohne in einer Vier-Zimmer-Wohnung und in dem einen Zimmer dieser Wohnung kann ich nicht schlafen. Da schaffe ich es einfach nicht, einzuschlafen. Da krieg ich Angst. Da fühl ich mich nicht wohl und ich wache auf und denke, da ist irgendjemand oder irgendetwas in dem Zimmer. Es war das Schlafzimmer von mir und meiner damaligen Freundin. Es hat auch nur ein kleines Fenster und irgendwie ist dieses Zimmer unheimlich. Ich dachte, ich muss das irgendwie in einen Text packen, um „den Fluch aufzuheben“. Und in dem Text ist wirklich etwas da, was aber gar nichts Böses will und genauso wie ich da drin ist und Angst hat oder sich fremd fühlt und man geht aufeinander zu. Es ist natürlich eine Metapher für fremde Leute, die sich das erste Mal begegnen. Es funktioniert als Geschichte, die ich gerne mag, aber es funktioniert auch als Metapher. Auf der Bühne singe ich es meistens als Geschichte und meine es nicht als Metapher, aber auf der Platte ist es als Metapher gemeint.

Leuchtturm

Auf diese Assoziation kam ich erst auf den zweiten Blick…

Ben: … weil du bestimmt ins Booklet geguckt hast. Du meinst „Heller Fleck im schwarzen Meer“. Es hat nämlich gar nichts mit einem Leuchtturm zu tun.

Aber was meinst du dann mit dem hellen Fleck?

Ben: Das ist ein Rätsellied. Der ganze Text ist aufgebaut wie ein Kinderrätsel. Ich hab aber erst zwei Leute in meinem Leben getroffen, die das Lied verstanden haben. Es ist eine wahre Geschichte und ich könnte es jetzt auflösen. Es geht darum…

Ihr glaubt doch nicht etwa, dass wir das jetzt hier so einfach preisgeben!? Ihr sollt ja noch was von dem Song haben! Aber falls ihr wirklich nicht anders könnt und unbedingt wissen müsst, wie das Rätsel zu lösen ist, könnt ihr Ben bestimmt einfach mal darauf ansprechen. 🙂

… Ein Rätsel ist es deshalb, weil die Zeilen durcheinander geworfen sind, deswegen weiß man nicht mehr so genau, was wozu gehört. Wenn man es etwas verdreht, ergibt das alles viel mehr Sinn.

Pinoccio

Ben: Da weiß ich aber nicht, worauf du hinaus willst…

Thomas: Hat es was mit einem Körperteil zu tun?

Ja, genau. Er hat’s verstanden.

Ben: Jetzt erklärt mir das…

Thomas: Denk mal an ein Körperteil, das aus dem gleichen Material wie Pinoccio ist.

Ben: Achsoooo, ach seid ihr dooof… Du meinst „Herz aus Holz“. Aber das Lied ist so direkt, dass man da gar nicht viel rumdeuten kann.

Hey Jude

Ben: Das haben wir ja quasi mit dem großen Chor abgehandelt. Das ist nämlich eine Absicherung nach vorne und nach hinten, die es eigentlich nicht gibt. Als die Beatles Hey Jude aufgenommen haben, war die Band eigentlich schon zerbrochen, das war quasi das Ende der Band. Und der große Chor ist quasi meine Absicherung, dass ich ein Ende habe, was für mich eine Brücke bildet zu einer meiner Lieblingsbands und wenn alles schief geht, wenn ich aufhöre, Musik zu machen, wenn ich beide Arme verliere, wenn ich anfange noch schlechter zu singen und niemand mich mehr hören will, dann habe ich wenigstens einen Abschluss. Dann ist da ein Ende auf der einen Platte, die ich gemacht habe, was man als Ende verstehen kann und ich weiß, ich habe ein abgeschlossenes Werk! Selbst wenn es nur eine Platte ist. Aber gleichzeitig ist es natürlich auch der Blick nach vorn, von wegen: Es hört groß auf, es geht groß weiter. Es ist für mich einfach so eine Grenze.

Eigentlich wollte ich auf den Song davor hinaus…

Ben: Aber der hat doch gar nicht so viel mit Hey Jude zu tun…

Ja… naja…

Ben: Also „Ich hab geträumt, ich sei tot“. Genauso wie es ist. Es ist ein Traum gewesen, den ich mit meinem damaligen besten Freund, der wirklich kurz darauf gestorben ist, besprochen hatte. Er hat das geträumt und mir so ausführlich geschildert, dass ich in derselben Nacht nach dem Treffen das gleiche geträumt hab. Den Text gibt es schon viel länger als die Idee, eine Platte zu machen. Die Musik dazu kam dann sogar erst im Studio. Da hab ich mir das in Leerlaufphasen ausgedacht.

Thomas: Es war glaub ich gar nicht klar, ob das Stück auf die Platte kommt.

Ben: Der einzige Arbeitstitel, der kein Vorname war für das Stück, war „B-Side“.

Die Single

Ben: Die Single! Wohoo! „Ich fall immer auf die selben Dinge rein.“ Da gibt es nichts zu zu sagen. Es ist eine einfache Popnummer, es ist ein einfacher Text mit relativ komplizierter Musik, die gut versteckt ist. Ich hätte es nicht unbedingt als Single ausgewählt, aber ich habe eine Umfrage unter Freunden gestartet und das ist, was dabei rauskam. Also ist es die Single. Ich mag das Lied sehr gerne, es macht sehr viel Spaß es zu spielen. Es gibt relativ viel zu entdecken, wenn man genau hinhört. Warum nicht. Kann man machen.

Und dazu gibt es ein Video…

Ben: Genau. Das Video hat Andreas gemacht. Er hat uns im Studio besucht, aber nicht, während ich meine Platte aufgenommen habe, sondern Teile einer Platte eines Freundes von uns. Andreas hat uns dann gefilmt und hat sich noch diese kleine Minigeschichte dazu ausgedacht, die überhaupt nicht geplant war. Eigentlich sollte es ein reines Performancevideo werden. Das hat er aber sehr schön gemacht und es funktioniert auch ganz gut.

Speisung der 5000

Ben: Auf dieser Karte steht Speisung der 5000 und es sind ein Fisch und ein Brot abgebildet, was natürlich die christliche Symbolik in meinem Text widerspiegelt…

Nee, aber es war immer das erst woran ich denken musste, wenn du singst „Ein bisschen Brot im Korb, ein toter Fisch…“

Ben: Es ist ein schwieriges Lied für mich. Ich mag es sehr gerne. Ich bin sogar sehr stolz drauf, aber der Text… Wenn man möchte, könnte man wirklich einen christlichen Kontext darin lesen, der aber in Wirklichkeit gar nicht da ist.

Wirklich? Wir reden doch gerade über „Stolz und Scham“?

Ben: Ja, geht schon. Aber ich mach keinen Christenrock. Das Stück, das verrat ich jetzt, hatte den Vornamen „Rivers“ und ich habs gemacht, weil ich ein großer Fan von Rivers Cuomo bin, das ist der Sänger von Weezer. Der hat eine wunderbare zweite Platte gemacht, die ‚Pinkerton‘ hieß, die von den Kritikern wirklich gehasst wird. Ist aber ein ganz tolles Album. Das Stück geht ein bisschen in diese Richtung. Es ist ein wenig so aufgebaut wie die ‚Pinkerton‘ Songs. Es ist keine normale Songstruktur, es versucht eine neue Form. Man könnte das jetzt harmonisch auseinander nehmen, das wäre aber für alle jetzt langweilig. Auf jeden Fall passiert da sehr viel. Die Melodie wiederholt sich eigentlich nur einmal und wird ansonsten weitergeführt durch mehrere Strophen.

Wie geht’s weiter?

Die Frage bezieht sich auf eine weiter Platte und nächste Tour…

Ben: Bisher gibt es eigentlich keinen richtigen Plan. Ich möchte im Sommer für zwei Wochen Urlaub machen, da überleg ich mir, wie es weiter geht. Es gibt ein paar Einzelauftritte und Radiosender, die gerne Radioshows haben wollen. Da hab ich aber noch keine Termine gefunden. Das müsste man in einen Block packen, damit sich das mit der Band lohnt. Und es gibt zwei kleine Fernsehsender, die was machen wollen. Das wird alles über den Sommer über verteilt passieren. Außer, dass ich im Herbst gerne wieder eine Tour spielen möchte, gibt es noch keinen genauen Plan.

You’ve got to hide your love away (The Beatles)

Ben: Ah, Danke. Dann bist du eine von drei Leuten, die es überhaupt bemerkt haben. Mein Album ist natürlich voller Popzitate, nicht nur von den Beatles, sondern auch von vielen anderen. [Die gemeinte Textzeile ist „Du musst deine Liebe vor der ganzen Welt verbergen“.] Bei dem Lied „Gnade trägt man in Särgen“ geht es auch ein bisschen darum, dass man als liebender Mensch von dem Ort vertrieben wird, an dem man eigentlich gerne sein möchte. Es ist ein sehr, sehr, sehr, sehr ehrliches Lied, was eine wahre Begebenheit schildert, die sehr gemein war. Und der Titel „Gnade trägt man in Särgen“ soll so viel bedeuten wie „Dein Mitleid ist für‘n Arsch“.

Schönes Schlusswort! Danke!

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