Dem vollbärtigen Pudel sein Kern – Ben Schadows „Liebe zur Zeit der Automaten“

Es gibt Menschen, die schleichen sich in mein Leben und plötzlich sind sie da. Und wenn man dann auch noch bemerkt, dass sie schon viel früher das eigene Leben gekreuzt haben, dann wird es entweder (eher selten) unheimlich oder (eigentlich immer) romantisch. Mit Musik passiert mir das auch des Öfteren. Man hört Musik von einem Sänger oder einer Band, aber dann kommt man doch nicht dazu, sich mehr damit zu befassen und durch irgendeine zufällige Begebenheit hört man die Musik wieder oder sieht den Musiker bei einem Konzert und um des eigenen Musikherzens ist es geschehen. Irgendwie beides ist mir mit Ben Schadow passiert.

Ben Schadow

Ben Schadow ist kein ungeschriebenes Blatt in dieser so called Musiklandschaft. Worin der schon überall seine Bass- und Produzentenfinger hatte! Bei seinen aktuellen Projekten spielt er Bass bei Bernd Begemanns „Die Befreiung“, bei Dirk Darmstaedter und bei der süßen Dresdner Band Pretty Mery K. Und eine weitere Liste füllt seine Machenschaften aus dem letzten Jahrzehnt. So erzählte mir jemand, dass Ben die Bässe bei Kettcars „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ einspielte. Ich durchforstete meine CD Sammlung und fand seinen Namen noch bei der Hansen Band Platte und bei Olli Schulz‘ „Beigen Album“. Ohne dass ich es wusste, spielte Ben auf drei von vier mir wichtigsten Platten, die dafür verantwortlich sind, dass ich Fan dieser bedeutenden Musik aus Hamburg wurde. (Für alle Neugierigen, die wissen wollen, welche die vierte Platte war: natürlich Tomtes „Hinter all diesen Fenstern“.) Es ist vielleicht weit hergeholt, aber ich mag solche Gedankenspiele: Man könnte nämlich nun die Behauptung aufstellen, dass Bens Bassspiel einen gewissen Einfluss darauf hatte, dass ich an diese Musikszene mein Herz verlor. Wofür ich ihm nur danken könnte. Und wenn man so darüber nachdenkt, ist es ein ziemlich schöner Gedanke, dass da einfach einer war, der vielleicht einen gewissen Einfluss auf mich genommen hat, ohne dass wir beide davon gewusst haben konnten. Und zusätzlich, dass sich ein paar Jahre später unsere Wege tatsächlich kreuzten. Schicksal, du verrücktes Ding.

Ich freute mich, dass die kleinen Touren von Ben zusammen mit Pele Caster auch in meine Ecke führten. Dies waren die ersten Auftritte, die ich mit Ben sah. Also nahm ich ihn, wenn ich recht überlege, zuerst als eben jenen Solokünstler war, als der er nun mit seinem ersten Soloalbum in Erscheinung tritt. Erst später sah ich ihn auch als den Bassisten im Hintergrund der o.g. Bands und erfuhr von seiner normalerweise aus dem Hintergrund agierenden Arbeitsweise. Wie er sonst aus einer überschaubaren Position die Fäden in der Hand hält, steht er nun wie das Kaninchen vor der Schlange im Scheinwerferlicht. Was drängt nun so einen Ben Schadow dazu, den Kopf aus der Hintergrundbehausung zu strecken, blinzelnd ins Publikum zu schauen und seine ganz eigenen Lieder zu spielen und zu singen?

Cover – „Liebe zur Zeit der Automaten“

Dies muss des Pudels Kern sein: Die Lieder. Sie müssen etwas ganz Besonderes in sich bewahren, um der Anstoß zu sein, dass sich Ben dafür in den metaphorischen Wind stellt. Schon eine längere Zeit trägt er die Lieder mit sich, behütet und lieb gewonnend. Und wir dürfen uns freuen: Denn heute erblicken diese Songs auf seinem Album „Liebe zur Zeit der Automaten“ das Innenleben der CD- und mp3-Player dieses Landes. Was erwartet den Hörer der Platte? Ich mache nun etwas, was ich nie mache: Ich zitiere aus dem Waschzettel (Mediensprache für: Das Infoschreiben des Albums). Dort fasst folgender Satz die Platte ziemlich genau zusammen: „Musikalisch wird auf seinem Debütalbum eine Brücke zwischen dem Pop der 60er Jahre, dem Untergrund der 90er und der Jetztzeit geschlagen. Seine Texte handeln zumeist vom Reiz des sozialen Aufeinanderstoßens, nicht nur in der realen, sondern auch in der fantastischen Welt.“

‚Der Reiz des sozialen Aufeinanderstoßens‘. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen und dann im Gehirn weiter knuspern lassen. Und dabei ist es die banalste Sache der Welt: Wir sind ständig den Reizen unserer sozialen Umwelt ausgesetzt und Ben findet in seinen Liedern ziemlich viele dieser Begebenheiten und weiß sie musikalisch festzuhalten. Interessant wird der Umstand, dass Ben nicht nur in der realen sondern auch ein bisschen in die fantastische Welt abdriftet. Und wer mag schon sagen können, was nun Wirklichkeit, Traum, Realität oder Phantasie ist? Der Titel „Liebe zur Zeit der Automaten“ verrät uns, wodurch Ben sich inspiriert hat lassen. Er ist eine Anlehnung an E.T.A. Hoffmans Erzählung „Der Sandmann“. In meinem Deutsch-Leistungskurs-Gedächtnis höre ich noch den Ruf Nathanaels „Du verdammtes Automat“ im Kopf hallen. Nur hat er damit die Falsche betitelt, was ihn zum Schluss in den Wahnsinn treibt. Ich muss schon sagen, wie sehr beeindruckt ich davon bin, was für eine Dimension ein absolut treffender Albumtitel in einem Kopf hervorrufen kann.

Und die Platte beginnt. Ein Intro! Ein Intro! Und es ist keines dieser langweiligen Kurzanspielungen des darauf folgenden Songs, nein. Wir werden mit den Stimmen eines kleinen Chores umhüllt. Kurz, klein, zerbrechlich, was aber für mich (mit meiner Kirchenchorerfahrung) eine ganz beruhigende Wirkung hat. Beruhigung, die mit dem zweiten Song „Ich fall immer auf die selben Dinge rein“ erstmal in Wallung gebracht wird. Nicht umsonst ist dieser Song die erste Single! Mit Schmackes und Gitarrensolo, so soll es sein. Denn das Leben ist nicht einfach, wenn der Junge nicht kapiert, dass da ein Mädel ein Auge auf ihn geworfen hat. Und erst recht kann ein Leben mit einem „Herz aus Holz“ ziemlich weh tun. Aber wohl eher für das Gegenüber. Aber der Countrystyle mit Mundharmonika trägt das Lied trotz der Schwere des Textes leichtfüßig daher. Schon an dieser Stelle kann ich nur den Hut zieht vor diesen großartigen Texten von Ben Schadow. Und dem Mut, solche Inhalte mit solch einer Ehrlichkeit zu singen. Aber natürlich ist auch ein Ben Schadow nicht frei von gebrochenem Herzen. Schon allein der Titel „Gnade trägt man in Särgen“ ist ein Geniestreich, Ben! Und so richtig ergriffen wird man dann bei „Wie leicht es wäre einfach zu bleiben“: „Niemand will einfach nur da sein, niemand will freiwillig leiden“. Uff. Danke dafür. „Zusammen zuletzt“ und „Eigentlich kann es ja nicht mehr besser werden“ bilden die andere Seite der Waagschale. Wie leichtfüßig und schön wird da im Duett von glücklichen Momenten gesungen, die man einfach auch als genau diese Wahrnehmen sollte. Zum Schluss nimmt uns Ben an die Hand und führt uns zu seiner eigenen Beerdigung, die er geträumt hat. Eine friedlichere Szenerie eingebettet mit einer Querflöte untermalt kann man sich nicht wünschen. Und zum großen Finale darauf das Outro, als Reprise gedacht, die zu einem „Hey Jude“esken Übersong anschwillt. Wow!

Ben Schadow hat ein kleines Wunderwerk geschaffen. Mit viel Zeit hat er ein Album zusammengestellt, das so voller schlauer Ideen steckt, von denen ich bestimmt auch noch nicht alle entdeckt habe. Ein Grund mehr, warum dieses Album nicht so schnell aus meinem CD-Player verschwindet. Ich liebe Alben, die ich immer und immer wieder hören kann und nie daran satt werde, weil sie mir immer wieder etwas Neues bieten. Zudem gehen mir einige Songs schon so nah, dass ich sie nur ganz selten hören kann. Und das meine ich gar nicht negativ. Denn in solchen Songs stecken die Wahrheiten, die man selbst nicht wahrhaben will. Und mir das vielleicht auch auf schmerzliche Art und Weise aufzuzeigen, ist für mich eine der Aufgaben von Kunst. Weil ich mich am Ende doch dazu ringen werde, die Songs zu hören. Und über all dieser versteckten Genialität thront die wunderbare Stimme von Ben Schadow. Auch wenn er selbst behauptet, er könne nicht schön singen, so ist dies Unsinn. Mal in wohliger Basslage, mal in Tenorhöhen: Eine Bandbreite, die sich sehen bzw. hören lassen kann. Und zusätzlich ist Bens Stimme eine Charakterstimme. Unverwechselbar, einzigartig. Und das sind für mich die interessantesten Stimmen. Die Frage stellt sich doch gar nicht, ob ein Conor Oberst singen kann. Er singt und das ist gut so. Ebenso gut, dass Bens Stimme uns ab heute alle wohlig umgeben kann.

In einer Woche geht natürlich auch die Releasetour los! Da könnt ihr euch dann alle persönlich ein Exemplar dieses Wunderwerkes holen. Die vorherige Anschaffung ist selbstverständlich auch erwünscht. Und wollt ihr den perfekten Grund dafür wissen, warum ihr Bens Album schon vorher kaufen solltet? Um dann nämlich auf mindestens eines der folgenden Tourtermine zu gehen und Ben eine Freude zu machen, wenn ihr schon die Texte mitsingen könnt. Deal? Deal!

Ben Schadow – Live (Foto: Doro)

Release-Tour von Ben Schadow und Pele Caster

22.05. Dresden – Zille
23.05. Hildesheim – VEB Club
24.05. Erfurt – E-Burg , Cafe Duck Dich (Open Air)
25.05. Berlin – Valentinsstüberl (Neu-Kölln)
26.05. Halle – Brohmers
27.05. Kiel – Prinz Willy
30.05. Hamburg – Zentrale (ex Nachtasyl, Spätkonzert, n.d. Theatervorstellung)
01.06. Frankfurt – Das Bett
05.06. Köln – Stereo Wonderland
06.06. Dortmund – Pauluskirche
07.06. Hannover – Kulturpalast
08.06. Itzehoe – Lauschbar

Hörproben:

http://soundcloud.com/benschadow/was-wenn-es-mich-wach-entdeckt

http://soundcloud.com/benschadow/ich-fall-immer-auf-die-selben

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