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John K. Samson "Provincial" Cover

Da entfuhr es mir: ein ächzendes HMPF! In unbändiger Vorfreude auf das Ende Januar erschienene Soloalbum „Provincial“ von John K. Samson nahm ich alles auf, was es bis zur Veröffentlichung gab: Die Streams, die Videos und alles Geschriebene. So auch Frank Turners‘ Albumankündigung auf der GHvC Homepage. Und da passierte es: HMPF!

Frank Turner, ein ebenfalls großer Fan der Weakerthans wie auch der Schreibe von John K. Samson, erzählt seine Geschichte des Verfallens in diese Leidenschaft. Ich war völlig hingerissen von dem, was er schrieb und wollte hinter jeden Satz ein Ausrufezeichen setzen und Ja, JA, JAAAAAA! rufen. An seinem Ende war ich sichtlich bewegt und stolz, auch zu dieser Fanriege zu gehören und ganz genau zu verstehen, was der Herr Turner da beschreibt. Nun, bis ich einen Gedanken weiter dachte: „Was, zum Teufel, habe ich dem denn noch hinzuzufügen? Es ist doch nun alles (auf grandiose Art) gesagt?! HMPF!“ Ich empfinde es als eine gute Gabe, zu wissen, dass es Dinge gibt, die einfach eine Größe beinhalten, die man mit seinem eigenen Schaffen nicht annähernd heranreichen könnte. Ich würde mir also nicht anmaßen, eine fulminantere Rede über John K. Samson anzustreben. Denn das wäre der falsche Antrieb und würde fehlschlagen. Jedoch ist mein Drang, mich zu dieser Sache zu äußern zu groß, als es still in mir hallen zu lassen. Und so bleibt mir nur noch eines übrig, um mit einer Ehrlichkeit mein Fantum auszudrücken: Die Teile meiner Geschichte zu erzählen, in denen John K. Samson eingegriffen hat.

John K. Samson wäre, wie so viele andere großartige Künstler, nicht ohne das Grand Hotel van Cleef in mein Leben gekommen. Dass sie mir aber gleich einen Herzenskünstler höchsten Ranges in mein Leben werfen, das wurde mir auch erst etwas später bewusst. Wir schreiben das Jahr 2005: Ich ging noch zur Schule und war mit meinen zwei Freunden die einzigsten meines Jahrgangs, die je was von Indie-Musik gehört hatten, wie man es damals noch zu sagen pflegte. Wir entdeckten Kettcar, Tomte und peu à peu schloss sich der Rest des Grand Hotel Kosmos‘ an. 2006 veranstaltete das Grand Hotel seine erste Festivalreise: Simon, die alte Frau van Cleef und ich – Festival. Was für ein Name, aber auch was für ein Lineup. Der Hauptantrieb damals extra(!!) nach Bonn zu fahren (wie verrückt!!!) waren in erster Linie Kettcar und Tomte. Den Rest nahm man mit offenen Ohren mit. Und so stand ich in der Menge, während mich neue Bands und Musik passierten.
Kurz bevor die von mir noch nie gehörten Weakerthans auf die Bühne kamen, meine ich eine besondere Stimmung im Publikum wahrgenommen zu haben. Zugegeben, es liegt nun schon einige Jahre zurück und damals war natürlich immer alles viel aufregender als heute, aber es lag wirklich was in der Luft. Die Band kam völlig unaufgeregt und gut gelaunt auf die Bühne, aber das Publikum verströmte eine Anspannung, als wäre John Lennon wieder auferstanden. Und nicht nur das Publikum: Am Bühnenrand standen, knieten, saßen alle Grand Hotel Mitarbeiter und lauschten der Musik, als würde gerade eine Andacht abgehalten. Diese Bilder nahm ich in mir auf und wollte verstehen, was es war, was diese Band auszulösen schien. An dem Tag hat es bei mir leider nicht gefunkt. Es musste die Reunion Tour Platte gehört werden und vorbei gehen und die Reconstruction Site Platte gehört werden und vorbei gehen. Ich war drauf an dran hören zu wollen, was es war, was der Band anhaftete, aber ich musste mich noch geduldigen.

Dieses Beispiel zeigt mir nur wieder ein Phänomen, das sich schon zu einer Philosophie ausprägen lässt:
Nicht der Hörer, sondern die Musik selbst sucht sich den Menschen aus, von dem es gehört werden möchte. Und ist der Hörer dazu noch nicht bereit, dann wird die Musik so oft wieder zurückkommen, bis es klappt.

Das war nämlich nicht das erste Mal, dass mir das passierte. Selbst mit Tomte haderte ich ein 3/4tel Jahr. Unvorstellbar heute, aber so war es. Und vielleicht hat diese Haderei, dieses Warten die Liebe nur größer gemacht.

The Weakerthans "Left&Leaving" Cover

Und so musste nur ein weiterer Kauf getätigt werden, bis es passierte: Die Left&Leaving CD lag im Postkasten, ich legte sie ohne große Erwartung ein und es passierte: „Everything must go“ fing an und in dieser Sekunde verstand ich es. Alles hatte nun eine Form und alles, was ich vorher nur beobachten konnte, gelang in mein Herz und der Fall war abgeschlossen: Die Weakerthans werden mich für immer begleiten.
Wie sowas passiert, ist für mich immer wieder eine erstaunliche Sache, und es bereitet mir Gänsehaut, wenn Menschen auch von solchen Momenten erzählen. Denn das sind eigene, einzigartige Momente, die einem selbst gehören. Und die kann auch keiner bestimmen oder herbeirufen.

Da die Weakerthans aus dem fernen Kanada stammen, gibt es zwar nicht oft, aber doch immer wieder Liveauftritte, zu denen ich gefühlt immer hüpfenderweise hingehe. Solch eine kindliche Freude lösen sie aus. Doch was ist es, dass sie einen Frank Turner, einen Thees Uhlmann und, wenn ich mir anmaßen darf, mich auch in diese Reihe zu stellen, unter diesen Aspekt vereinen? Menschen verschiedenen Alters, Herkunft und Lebensgeschichte? Vielleicht liegt es gerade darin. Vielleicht zeigt uns das Verfallen zu dieser Band, dass wir uns ähnlicher sind, als wir zu glauben pflegen.

Ich erinnere mich an Momente, in denen ich spätnachts mit der letzten S-Bahn von Frankfurt zurück nach Wiesbaden fuhr. Es ist die Endhaltestelle und der Waggon leerte sich während der Fahrt. Ich saß meist ziemlich aufgewühlt im Sitz, da ich entweder ein wunderschönes Konzert gesehen hatte oder eines dieser tiefgründigen Gespräche mit einer meiner wichtigsten Menschen in meinem Leben hatte. Und um all das auszuhalten, hörte ich immer die Left&Leaving. Obwohl es mich noch mehr fertiger machte, vor allem der Titeltrack, musste ich es hören, um Trost zu finden. Am Bahnhof angekommen, machte ich mich auf den Nachhauseweg. Da nach Mitternacht kein Bus mehr fährt und ich Taxifahren dekadent finde, laufe ich die 40 Minuten meist Heim. Eine perfekte Albumlängestrecke. Und immer und immer wieder die Weakerthans. Wie ich gedankenverloren durch die Stadt laufe, über alles Mögliche nachdenke, was mich quält, bewegt, traurig und glücklich macht, untermalt mir die Musik diesen Gedankenstrom. Und so passiert es, dass man unerwartet in Gedanken innehält und Johns Gesang diese Stille füllt. Diese Momente liebe ich, sie sind vielleicht nur eine Sekunde lang, aber sehr oft höre ich in diesen Momenten Sätze, die mir noch nie besonders vorkamen, obwohl ich die Platte schon tausend Mal gehört hatte. Wenn es dann einen scheinbar willkürlichen Satz erwischt, kann es vorkommen, dass ich einen ganz anderen Blick entwickle, den Satz anders interpretiere und sich der Song ändert. Das passiert mir ziemlich oft. Man bleibt schließlich mit seinem Sein, seinen Gedanken nie stehen. Man wird ständig beeinflusst und wächst. Und so empfinde ich es als großartig, wenn die Lieblingsplatten mit dieser Entwicklung mitwachsen können, weil sie als so vielseitig angelegt sind.

Hier zieht sich der Fokus zusammen: Neben der grandiosen Musik stechen für mich die Texte von John K. Samson ins Auge, bzw. ins Ohr. Wie oft lief ich in den besagten Nächten unter sternenklarem Himmel, erfüllt mit einem Weakerthans Song und fragte mich, wie es John K. Samson schafft, solche Geschichten zu erzählen? Geschichten von Menschen, die auch wir sein könnten. Ein Künstler, der es versteht, in einem 3 bis 4 minütigen Song eine neue Welt zu eröffnen, einen ganzen Spielfilm laufen zu lassen oder ein ganzes Gefühl dem Hörer mitzugeben.

John K. Samson (by Andreas Hornoff)

Und nun dürfen wir uns freuen und glücklich schätzen, dass John K. Samson ein Soloalbum veröffentlicht hat. Dass es zu einem ganzen Album kommen würde, hatte noch niemand gedacht, als John in den letzten zwei Jahren zwei 7“-Singles veröffentlichte. Diese darauf vertretenen sechs Songs sind auch wieder auf dem 12track Album zu finden, doch sind sie neu arrangiert worden, was mir beim ersten Hören wahrlich Gänsehaut bereitet hat. Und was macht John K. Samson da auf seinem Album? Er erschafft ein eigenes kleines Kunstwerk.

Ein Kunstwerk ist meist als ein Ganzes zu betrachten. Ein Gemälde in Teile geteilt kann uns keinen Sinn zeigen, einen Roman nur bis zu Hälfte lesen, bringt uns auch keine Genugtuung. Und so sollte es uns auch mit dieser Platte gehen. In ihr steckt ein Konzept, das es zu entdecken gilt.

Mit dieser Platte ist John K. Samson auf den Highways seiner Heimat unterwegs. Er stellt der Platte ein Zitat voran: „Everything happens here, then nothing for a long, long time.“ Alles ist in dieser Gegend passiert, es steht geschrieben in Stadtbüchern und lebt in Geschichten, die erzählt werden. John als Heimatkundler und Bewahrer der Geschehnisse in der Gegend, in der er lebt. Sei es nur eine Beschreibung über die wöchentliche „Cruise Night“, in der man mit dem Auto vom einen Ende der Stadt bis zum anderen Ende der Stadt cruised, um sich Eis oder sonst was zu holen und wieder zurück zu fahren. Nur um ein Highlight in der Woche zu erleben. Oder die Geschichte einer Lehrerin, die eine Affäre mit ihrem Direktor anfängt und merken muss, dass sie doch nicht mehr war als nur ein „und“.

Wie bedacht er kleine Hinweise in Songs versteckt, die in einem anderen Song wieder auftauchen. Da werden im Song „When I write my master’s thesis“ im Archiv alte Fotos von der Halloween Party des real existierenden Ninette Sanatorium geordnet (ein Foto davon ist auch im Booklet zu sehen) und im nächsten Song „Letter in Icelandic from the Ninette San“ liest man einen Brief eines Patienten, der von dieser Halloween Party erzählt.

Es sind diese kleinen Hinweise, diese Verschachtelung, dieses immer wieder Aufnehmen, von Orten oder Menschen, die diese Platte nicht zu einem Album mit „nur“ 12 Songs macht, sondern ein Ganzes bilden. Die Songs sind dafür gemacht, zu einem Ganzen zusammen gesteckt zu werden, sie können aber auch für sich stehen.

Und wenn man so der Route folgt, die John fährt, endet er im letzten Song dort, den er als einzigen Ort mit „Home“ markiert. Und diesen Song singt er mit seiner Frau Christine Fellows.

Ich weiß nicht, ob auch andere diese Merkmale in dem Album entdeckt haben. Für mich machen sie Sinn und machen dieses Album zu einem größeren Kunstwerk, als es sowieso schon ist. Und wie ende ich am besten? Mit den Worten von Frank Turner natürlich: „[Ich bin froh] „Provincial“ in meinem Leben zu haben. Du brauchst es auch.“ Punkt.

Frank Turner & The Weakerthans Konzert Hamburg 2011 (Foto: Doro)

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