Überlebt: Audiolith Dorfdisko-Geiselfahrt reloaded

Unterwegs mit Freunden

Vor genau einem Jahr ging das Hamburger Label Audiolith auf Dorfdisko Geiselfahrt! Mit im Bus die Elektropunk-Bands Bratze, Frittenbude und Egotronic. Vier Tage in vier verschiedenen Dörfern Deutschlands. Und ich war für die STUZ mittendrin in diesem Irrsinn. Als Erinnerungsstütze jetzt neu mit unveröffentlichten Fotos!

6 Uhr morgens auf der Reeperbahn in Hamburg. Wie leergefegt erleuchtet die Straße, an deren Ende gerade die Sonne aufgeht. Mit Tasche und Schlafsack geht’s Richtung Bunker, an den Bushaltestellenplatz vor dem Club „Uebel & Gefährlich“. Hier ist der Treffpunkt zur Audiolith Dorfdisko Geiselfahrt. Ein Bus steht schon da. Das muss er sein! Mit farbig tanzende Buchstaben begrüßt er die ersten Mitfahrer: unser Fidibus. Das wird also das Gefährt für die nächste halbe Woche sein. Nach den ersten Begrüßungen von Band, Label und Journalisten wird erstmal von allen Hand angelegt. Die Verpflegung muss noch in den Bus. Das Audiolith-Büro liegt schräg gegenüber. Dort türmen sich Palletten von billigem Dosenbier und flügelverleihenden Getränken. Ach, und ein paar Flaschen Wasser. Das erste Malheur, das die Anwesenden die Haare raufen lässt, passiert am Bordstein auf einer Verkehrsinsel: Der Bollerwagen stößt an und all die Bierdosen kullern aus ihren Palletten wild auf die Straße. Schwund gibt’s zwar immer, aber es wird gerettet, was gerettet werden kann. Kurz nach 7 Uhr geht’s los Richtung Berlin.

Im Bus sind nun die Band Bratze, ein Zusammenschluss aus ClickClickDecker Kevin Hamann und Der Tante Renate Norman Kolodziej sowie Lars Lewerenz, der Chef vom Independent-Plattenlabel Audiolith. Vor sechs Jahren gründete er das Label, um seinen Freunden auszuhelfen. Die machten alle gute Musik, doch fand sich kein Plattenlabel. Nach alter DIY-Art wuchs das Label und kann sich heute als eines der besten Independent Labels behaupten. In seinen Reihen finden sich größtenteils Elektrobands wieder u.a. Bratze, Frittenbude und Egotronic, die dieses Frühjahr alle ihre neuen Platten veröffentlichen. Damit soll die Weltherrschaft übernommen werden, oder so ähnlich.

Noch ist es sehr ruhig im Bus, der eigentlich für Kindergruppen gedacht ist. Mit einer Liegewiese im Heck könnte das erste Bier der Tour nicht besser munden. Es ist gerade mal 9 Uhr morgens. Es geht Richtung Berlin, um Torsun, Endi und KT&F von Egotronic abzuholen. In der Zwischenzeit wird sich beschnuppert und man malt sich aus, was auf dieser Reise alles passieren wird. Schon werde ich von Kevin gefragt, ob ich vor der Tour Angst hätte. Ich verneine, aber frage, ob ich denn Angst haben müsste. Er hätte Angst, denn man weiß nie, was passieren kann. Er kennt schließlich seine Kollegen. Ich schlucke, auch noch ohne Bier.

Nach kurzem Stopp in Berlin sind nicht nur Egotronic im Bus, sondern auch eine Scooter-Fahne, die in der Heckscheibe platziert wird. Eine Hommage oder ein Tarnungsmanöver? Wahrscheinlich wohl beides. Nach ein paar Stunden erreichen wir den ersten Tourstopp: Döbeln in der Nähe von Leipzig und schon fallen die Bands, die jetzt auch um die Münchner Johannes, Jakob und Martin von Frittenbude vervollständigt wurden, gnadenlos in den Touralltag: Es geht sofort in den Club. Vor dem Soundcheck noch Aufnahmen für das Fernsehteam, essen und dann beginnt das verdammte Warten. Warten auf die Technik, warten auf die Leute, warten auf irgendwas. In den recht großen Club „Rohtabak“ passen allerlei Menschen hinein, die einem grandiosen Tourauftakt beiwohnen. Wie einigen sich eigentlich Bands, in welcher Reihenfolge sie spielen? Wichtige Entscheidungen werden hier noch immer mit Schnick-Schnack-Schnuck gefällt. An den nächsten Tagen wird rotiert. Und dann: endlich spielen. Zuvor stellt sich Labelchef Lars auf die Bühne und begrüßt die Menge. Endlich ist etwas im kleinen Dorf los und sofort beginnen die drei Jungs von Frittenbude. Sie können die Menge von Anbeginn begeistern. Ihre Mischung aus Elektrobeats, Rap und Gitarre lässt alle Füße hüpfen und Köpfe nicken. Kurz darauf geht es mit Bratze weiter. Ihre impulsive Musik lädt zum Feiern ein. Kevin ist immer in Bewegung, wenn er nicht die Gitarre umhängen hat. Die muss natürlich gleich am ersten Abend ihren Geist aufgeben. Kein Problem, Improvisation ist alles und Norman und Kevin gelingt ein super Abend. Mit der fortschreitenden Uhrzeit wird die Zuschauermenge immer wilder. Auch das Audiolith-Team feiert anständig mit. Zu guter letzt und sehr später Stunde implodiert der Abend bei Egotronic. Ihre Elektrobeats mit linkspolitischer Attitüde kommen gut an. Die Stimmung brodelt vor und auf der Bühne. Nach der wirklich letzten Zugabe hat das Publikum nun die Wahl, in die frische Luft hinaus zu wanken oder im Nebenraum weiter zu feiern. Der halbe Tross ist beim Wort „Feiern“ nicht weit und am nächsten Morgen findet man sie im Jugendzentrum wieder. Ohne Schlaf, aber mit Augenringen, die von einer guten Nacht erzählen.

Der Bus wartet und schon geht es gut gelaunt weiter ins Münsterland. Mitten auf der Autobahn wird es auf einmal unruhig. Alle schauen aus dem Fenster. Ein Auto fährt mit an die Scheibe gehaltenen Schildern an unserem Bus vorbei, der seine Existenz durch seinen gutleserlichen Namen „Fidibus“ der Welt nicht verschleiern kann. Das Wunder Internet machte schon im Voraus auf unsere Reise aufmerksam und das Audiolith-Streetteam rief auf, uns aufzuspüren und anzuhalten. Zwei Jungs folgen dem Bus zur nächten Raststätte und werden gebührend beschenkt. In Oelde angekommen ist als erste Handlung ein Bußgeld zu bezahlen. Einer der Mitfahrenden konnte nicht mehr einhalten und ließ seiner Natur an einer unschuldig aussehenden Hauswand freien Lauf. Dass er jedoch unter des Bürgermeisters Fenster pinkelte, erfuhr er durch die schnell herbeieilenden Beamten und zahlte die 35 Euro. Die „Alte Post“ ist zwar ausverkauft, doch ist die Stimmung weit unten im Keller. Davon abgesehen, dass um 0 Uhr Zapfenstreich ist, hat das Oelder Publikum keine Lust auf Party. An diesem Abend können alle ihren Schlaf wieder aufholen. Egal ob im Hotel um die Ecke oder in privat-organisierten Matratzenlagern im Keller eines Familienhauses. Rock’n’Roll wie er leibt und lebt.

Ein Zischen weckt mich aus dem rumpligen Schlaf. Dieses Geräusch kommt vom in den letzten Tagen so oft gehörten Öffnen des billigen Dosenbieres oder wohlbekanntem Gummibärensafts. Ich schaue aus dem Fenster und sehe in die Ferne der deutschen Autobahnlandschaften. Mal schrauben sich Windräder durch das flache Land, mal erblickt man nur grüne Flächen. Schon zu viele Stunden sitzen wir alle in diesem Bus, der die letzten drei Tage unsere Heimat war. Hier verbringen wir die meisten Stunden des Tages. Viele Kilometer haben wir auf dem Buckel und noch weitere folgen. Das Mirko vorne beim Fahrer wird gezückt und allen Mitfahrenden wird zugeraunt, dass die Stimmung schon soweit gekippt ist, dass es bald Zeit für Menschenfleisch sei. Die alten Scherze. Nach über 48 Stunden auf einem Haufen hat man doch noch ein Lächeln übrig. Menschen kamen, blieben, hatten viel Spaß und gingen. Nur die Wenigsten sind noch an Bord.

Wieder raunt es über die Lautsprecher. Tourmanager Artur Schock verkündet, dass es nur noch eine halbe Stunde bis zum Club dauert. Diese freudige Mitteilung ist ein guter Grund die nächsten Dosenbiere zu öffnen und ich ertappe mich dabei, selbst dieses Geräusch zu fabrizieren. Nach insgesamt zehn Stunden Fahrt halten wir vor dem „Schwarzen Adler“ in Tannheim-Egelsee. Dieser Ort macht der Dorfdisko alle Ehre. Das umgebaute Scheunenhaus bietet im Parterre einen Club, dessen Bühne genauso klein ausfällt wie der Zuschauerraum. Im oberen Bereich leben die Betreiber und auch die Bands werden dort beherbergt. Somit wird dann meist Backstage abgehangen. Flüssiges fließt in Strömen genauso wie die Internetverbindung, denn wie soll sonst all die Zeit vertrieben werden, bis das Ereignis stattfindet, worauf der ganze Tag ausgerichtet ist: Das Konzert. Das, was uns alle zu Komplizen macht auf dieser Tour. Das Publikum hat Mühe nicht auf die Bühne zu purzeln, denn hier geht im wahrsten Sinne des Wortes der Punk ab. Egotronic spielen als erstes, und doch schon ziemlich spät. Nach Mitternacht sind Frittenbude an der Reihe. Auf dem Höhepunkt angekommen, machen es sich Bratze auf der Bühne gemütlich. Leider schon mit sichtbarem Publikumsschwund. Das hält die Beiden aber nicht davon ab, einer ihrer vielleicht besten Konzerte zu geben. Kevin, der sowieso immer auf der Bühne hyperaktiv ist, nutzt den Umstand, dass es eine Tür von der Bühne in die Korridore des Clubs gibt. Mitten im Lied läuft er einmal durch den gesamten Club, lässt seinen Kollegen Norman nichts wissend und Gitarre spielend auf der Bühne stehen, um dann rechtzeitig durch die Menge hindurch wieder neben ihm zu sein. Es ist eine wahre Freude. M T Dancefloor aka Saalschutz beflügelt unsere Füße bis zum Morgengrauen.

Mit immer größeren Augenringen besteigen wir einige Stunden später unser Gefährt, das den letzten Ort ansteuert. Die Fahrt ist inzwischen ruhig geworden, die letzten Kraftreserven werden auf der Liegewiese schlafend getankt. In Höhr-Grenzhausen bei Koblenz findet das Konzert in der Musikkneipe „Tenne“ statt. Kein Backstage, es bleibt nur das Drängeln durch die Menge. Das Publikum ist verrückt wie eh und je. Abschließend legt der Labelchef Lars Lewerenz selbst noch auf. Ein guter Ausklang, um in die Hotelbetten zu fallen. Auf dem Weg zurück nach Hamburg tröpfeln die Menschen aus dem Bus und werden unvorbereitet in den Alltag geschmissen. Trotz all der Strapazen, die so eine (Tor-)Tour mit sich bringt, schmerzt der Abschied doch. Audiolith, wir könnten Freunde werden.

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(Text zuerst erschienen auf http://www.stuz.de)

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