Nur ein kleines &.

Man stelle sich vor: Draußen weht der Schnee über die weiten Felder, alles ist in weiß gehüllt: Boden, Himmel, Häuser, die kahlen Bäume, jedes Anzeichen von Zivilisation. Das alles betrachtet man durch das Fenster aus dem inneren der warmen Stube. Es knistert vom Kamin her, das Licht ist gedimmt, man ist eingehüllt in die liebste Kuscheldecke. Der Hund legt seinen Kopf in den Schoß und es entfährt einem ein tiefer Seufzer des Wohlwollens und Nachdenkens.

John K. Samson (Bild: Leif Norman)

So oder so ähnliche romantische Vorstellungen überkommen mich, wenn ich der traumhaften Musik von John K. Samson lausche, dem Sänger der Weakerthans aus dem beschaulichen Winnipeg in Manitoba/Kanada. Seit einer Woche darf man wieder voller Freude jedem Wort seiner neuen Songs lauschen.

‚Provincial Road 222‘ ist frisch beim Kumpellabel Grand Hotel van Cleef erschienen. Allen digitial natives zum Trotz ganz exklusiv nur als 7″-Single auf nur 500 Stück begrenzt! Achso, ja, dann auch noch als komische blöde mp3 Datei. Oder so.

Die Single gehört zu Johns Reihe, auf der er kleine Lieder über seine kleine Heimat schreibt. Letztes Jahr erschien ‚City Route 85‘ mit ebenfalls 3 Liedern in denen markante oder auch unscheinbare Punkte aus Winnipeg besungen wurden.

Cover 'Provincial Road 222'

Nun ist die zweite Single draußen und es gibt nichts, was nötiger gebraucht werden würde. John ist einer der besten Songschreiber dieser großen Erde! Wie er kleine Geschichten zu den bedeutesten Epen erdichtet. Wie er damit Gefühle berührt und jeden bewegt, der auch nur ein kleinwenig Herz hat. Mit dieser begnadeten Stimme, die sagt: Ich nehme dich bei der Hand und bin bei dir. Fasziniert hört man ihm zu, man wagt nicht zu sprechen. Ich halte sogar regelrecht den Atem an.

Nun bin ich nicht im tiefverschneiten Kanada. Ich sitze in meinem kleinen Zimmer irgendwo in der Mitte Deutschlands. Das Wetter kann sich nicht entscheiden, ob es sonnig oder regnerisch sein soll, so macht es einen Misch aus beidem. Draußen sehe ich nur grüne Hecken, ein paar Bäumchen und hohe Wohnhäußer, die mir auch nur den kleines Ansatz von einem Blick in die weite Ferne missgönnen. Aber wenigstens sind diese weiß.

Um in die Weite zu schauen, benötige ich also andere Augen. Die Sicht von Künstlern. Schriftstellern und Musikern. Ich lege die Platte auf, warte voller Vorfreude auf das Geräusch, wenn die Nadel aufsetzt und schaue dem Teller zu, wie er seine Runden dreht.

Und dann sehe ich eine junge Frau, die im Lehrerzimmer sitzt. Einen Direktor, der sie nicht beachtet, obwohl sie sich vor den Weihnachtsferien noch so nah waren. Er fährt sie nun nicht mehr nach Hause. In seinem flüchtigen Blick sieht sie, dass es vorbei ist, was sie im Geheimen einmal waren und bemerkt jetzt: Sie war immer nur sein &.

In dieser traurigen Erkenntnis wird man vom Bass begleitet, daneben schleicht sich ein Cello heran. Im Instrumentalpart erklingt ein Klavier, was einen mit jeder Taste noch weiter in die Tiefe reißt. Auf einem der letzten Konzerte von John K. Samson spielte er schon dieses Lied und bei der Erläuterung dazu erzählte er, was für eine Ähnlichkeit seine Geschichte zur Lehrerin Mrs. Krababbel und Principal Skinner von den Simpons hab. Auch wenn der Vergleich nur zum Teil stimmt, finde ich es schön, dass ich von nun an auch diese gelben Figuren vor den Augen habe, wenn ich dieses Lied höre. Dann kann man doch noch in der ganzen Tragik über diesen seltsamen Vergleich lächeln.

Nachdem ich nun die Platte umgedreht habe, höre ich einer gesungenen Petition zu, die sich auch im Original dafür einsetzt, dass Reggie Leach in die Hockey Hall of Fame aufgenommen wird.

In letzten Lied ‚Stop Error‘ werden meine Ohren ganz rot und ich werde ganz unruhig. Höre ich da etwa nur Chorgesang? Zu einer Melodie von Bach? Dass ich gerade über das ganze Gesicht strahle, ist mit meiner Chorsängervergangenheit und auch noch Gegenwart zu erklären. Was wäre ich gerne an der Seite von John K. Samson und würde mit in der Sopranstimme seinen Text singen wollen und in die schönen Harmonien fallen. seufz.

Und noch einmal drehe ich die Platte um, freue mich ein weiteres Mal darauf, wenn die Nadel aufsetzt und dieses Geräusch zu hören ist. Und noch einmal begebe ich mich in das Lehrerzimmer, mit sogar etwas mehr Vorfreude. Denn schon liegt Staub auf der Platte und verleiht mir mit jedem Knistern etwas mehr Gänsehaut. Und wer weiß schon, wo der Staub auf der Platte liegt. Ein einmaliges Hören mit jedem neuen Auflegen.

Was für ein Ausflug, was für eine wahnsinns Aussicht. Danke an John, danke an all die Künstler da draußen, für die einzigartigen Ausblicke hinaus in die Welt, hinein in die Menschen, hinein in mich selbst.

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